Götterdämmerung

Entstehung

Richard Wagner hatte sich – nachdem der „Lohengrin“ fertiggestellt war – vorgenommen, ein episches Werk ähnlich dem „Rienzi“ zu schaffen. Hauptfigur sollte diesmal der Kaiser Barbarossa sein. Fünf Akte waren schon vorskizziert als er erkannte, dass ein historischer Stoff niemals die Tiefe fassen konnte, die er zum Ausdruck bringen wollte. Ein Mythos als Ausgangspunkt verfügte dagegen über wesentlich tiefere Schichten und so verfiel er auf die bekannteste und umfassendste Sage im nordeuropäischen Raum – den Nibelungen-Mythos.

Im Sommer 1848 verfasste er in diesem Zusammenhang einen recht umfangreichen Aufsatz mit dem Titel: „Die Wibelungen“. Im Oktober desselben Jahres folgte ein Prosaentwurf: „Der Nibelungen-Mythus“.

Vom 12. – 18.11.1848 dichtete er schließlich den Text zu seiner zukünftigen „großen Heldenoper“ und betitelte ihn mit „Siegfrieds Tod“.

Es folgten die revolutionären Wirren, die Wagner schließlich im Mai 1849 zur Flucht in die Schweiz zwangen, da er wegen Beteiligung am Umsturz der bestehenden Zustände steckbrieflich gesucht wurde. In seinem „Siegfried“ spiegelte sich diese Grundströmung wieder. Dieser Held brach mit allem Bestehenden, ließ die alte Welt kompromisslos untergehen, um eine neue zu gewinnen.

In dieser Zeit des Neuanfanges blieb natürlich für eine weitere Arbeit an seinem Werk wenig Raum. Erst ein gutes Jahr später hatte er sich ein wenig Abstand von den ärgsten Nöten verschafft, so dass er am 12. August 1850 mit der Vertonung von „Siegfrieds Tod“ beginnen konnte. Bald erkannte er jedoch, dass er sich selbst und seinem potentiellen Publikum noch Klarheit verschaffen muss. Er schrieb dazu einige recht umfangreiche Abhandlungen, wie z. B. „Oper und Drama“, in denen er versuchte, ein fundamentales Verständnis für sein „Kunstwerk der Zukunft“ zu erwecken.

Die momentanen Kunstzustände ließen ihn jedoch bald erkennen, dass für solch ein Werk wie den „Ring“ wenig Verständnis vorhanden war und so legte er es notgedrungen wieder beiseite. Erst sein Freund Franz Liszt verschaffte ihm dann wieder Hoffnung. Er hatte mit dem Hof in Weimar, wo er dem dortigen Opernhause vorstand, eine Vereinbarung ausgehandelt, die Wagners neues Werk betraf. Letzterer sollte „Siegfrieds Tod“ bis zum 1. 7. 1852 fertigstellen und anschließend sollte es dort sofort aufgeführt werden. Als Vorschuss wurde Wagner, um ihm ein sorgenfreies Arbeiten zu ermöglichen, die Summe von 500 Talern angeboten.

Er erkannte aber sehr bald, dass er den gesamten Nibelungen-Mythos auf die Bühne bringen muss und legte somit „Siegfrieds Tod“ vorerst beiseite.

Fast zehn Jahre sollten vergehen, ehe er – Anfang Oktober 1869 – sein eigentliches Hauptwerk weiterführen konnte. Inzwischen hatte er es auch in „Götterdämmerung“ umbenannt.

Die Arbeit an der „Götterdämmerung“ kämpft sich mühsam voran. Cosima notiert am 11. Dezember 1869:

Er arbeitet und ist zufrieden; in der Szene zwischen Brünnhilde und Siegfried aus der Götter-Dämmerung kommt kein Thema von der Liebes-Szene mehr vor, weil alles durch die Stimmung, nicht den Gedanken bedingt ist und die Stimmung eine andere ist als im heroischen Idyll im „Siegfried“.

Seinem alten Freund Anton Pusinelli in Dresden schrieb er am 12. Januar 1870:

Bald habe ich mein 57. Lebensjahr vollbracht, und ich darf erkennen, dass mir eben nur die Ruhe fehlte, um meine Kraft erst jetzt noch in ihrer lautersten Wirksamkeit zu bewähren. Im vorigen Sommer, an dem Tage, an welchem mir Überglücklichem ein schöner Sohn geboren wurde, vollendete ich die Komposition des „Siegfried“, in welcher ich mich seit 11 Jahren unterbrochen hatte. Ein unerhörter Fall! Keiner hat geglaubt, dass ich dazu noch kommen würde. Und nun musst Du diesen letzten Akt hören, die Erweckung der Brünnhilde! Mein Schönstes! – Und jetzt habe ich nun auch die „Götterdämmerung“ begonnen. Viel Zeit muss ich haben, – denn was ich niederschreibe, ist eben alles Superlativ.

Am 7. Februar 1870 beginnt Wagner mit der Kompositionsskizze des 1. Aktes. Cosima schreibt dazu:

wie ich zu Richard hinunterkomme, spielt er mir das Gibichungenthema, das ihm so sicher eingefallen ist, dass er es sofort mit Tinte aufschrieb. Große Freude daran; Gespräch über diese Typen Gunther, Hagen – letzterer grauenvoll geheimnisvoll, unbeweglich, kurz. Über die verlorene Naivität; „mir sind alle diese Helden wie eine Versammlung von Tieren vorgekommen, der Löwe, der Tiger etc; sie fressen sich auch untereinander, aber es tritt keine ekelhafte Konvention, Hofetikette usw. dazu, es ist alles naiv“.

Am 7. April teilt sie mit:

Richard arbeitet und freut sich am Abend; er hat den „Eid“ komponiert und ist zufrieden. „Das Schwierige war“, sagte er, „kein neues Tempo in die Szene zu bringen, alles sollte immer fortlaufend sein, und doch sollte es bedeutend wirken, wie eine schwere Gewitter-Wolke“ – es ist ihm herrlich gelungen.

Am 15. April beschäftigt sich Wagner mit der Abfahrt von Siegfried mit Gunther und zwei Tage später erzählt er, dass Hagens Wachtlied kolossal wird! Am 21. April ist es fertiggestellt!

Dem König teilt Wagner am 5. Mai 1870 mit:

Die unglaubliche Arbeit der Wiederaufnahme und Vollendung der Nibelungen geht wirklich vor sich, mein huldvoller Freund. Wenn das Werk endlich einmal zum Studium vorliegen wird, mag es dann schwer zu begreifen haben, wie eine solche Ausführung möglich war. Natürlich lebt hierin Alles an den gesponnenen Urfäden des ersten Entwurfes fort, nur wird das Gewebe selbst immer reicher und mannigfaltiger, da immer neue Fäden hinzukommen und neue Lebensschicksale melodisch sich hineinweben.

Die Arbeit geht langsam, aber stetig voran …

„Wie gern würde ich jetzt dichten, welche leichte rasche Arbeit, was ist das im Vergleich zum Partiturschreiben, das ist das Skelett, wie das Geäst, der Baum im Winter; die Musik ist die Blüte, die Blätter“, ruft er am 10. Mai 1870 aus,

An Nietzsche schreibt er am 4. Juni:

Morgen gedenke ich die Skizzen des I. Aktes von Siegfried’s (Götterdämmerung – wollte ich sagen) zu beendigen.

Am 2. Juli 1870 schließt Wagner den zweiten Gesamtentwurf des I. Aktes ab.

Der gesamten Trilogie fehlten jetzt noch der zweite und dritte Akt der „Götterdämmerung“. Nach der Komposition des Kaisermarsches anlässlich des deutschen Sieges über die Franzosen und einer längeren Deutschland-Reise hält Cosima am 20. Juni 1871 in ihrem Tagebuch fest:

Richard sammelt sich zur Komposition; sein erster Akt erfreut ihn und erschreckt ihn zugleich, „soll ich so fortfahren?“ Die Szene der Waltraute mit Brünnhilde ist ihm „rein unverständlich“, so vergessen hat er sie; er sagt: „Ich würde bange sein, wenn ich nicht wüsste, dass alles bei mir durch ein sehr enges Tor geht und dass ich nichts schreibe, was mir nicht ganz klar ist.

… und drei Tage später …

wie wir zu Tische gehen, sagt er mir: „Ich entwerfe jetzt eine große Arie für Hagen, aber nur für Orchester. Was ich für ein Stümper bin, glaubt kein Mensch, ich kann garnicht transponieren. Das Komponieren ist bei mir auch ein seltsamer Zustand; beim Phantasieren habe ich alles, endlos, nun heißt es fixieren, da kommen einem die physischen Griffe schon in den Weg, wie war es denn, heißt es dann, nicht wie ist es, wie soll es sein, wie war es, und nun suchen, bis man es wiederfindet. Mendelssohn würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn er mich komponieren sähe.“

Am 24. Juni 1871 begann Wagner schließlich mit der Kompositions-Skizze des II. Aktes der „Götterdämmerung“. Dies teilt er Lorenz von Düfflipp, dem Sekretär von König Ludwig II., am 26. Juni sogleich mit:

Mit einer Art von Gewalt musste ich endlich den Schleier zerreißen, um mich an meine eigentliche Lebensarbeit zu setzen: da sitze ich denn wieder an der „Götterdämmerung“, um mich der „Höllendämmerung“ zu entziehen.

Am darauf folgenden Tag hält Cosima fest:

Richard hat Hagens Arie komponiert; er sagt: „Du bist mir dabei in deinem Schlafe eingefallen; ich wusste nicht, sollt‘ ich ihn lautlos sprechen lassen oder nicht, da fiel mir dein Traumreden ein, und ich wusste, dass ich Hagen leidenschaftlich sich ausdrücken lassen konnte, was viel besser ist.“

… und am 28. Juni:

zu Tisch bespricht er den seltsamen Zustand des sich Sammelns, das aussieht wie eine Zerstreutheit; bald richtet er ein Kissen, bald denkt er an die Politik, aber unterdessen sammelt er sich, und plötzlich ist es da. Nun muss nichts von außen kommen.

Am 6. Juli 1871 quält Wagner der „Komponier-Teufel“.

Er findet nämlich, dass er zu viel beim ersten Schwur (Hagen Gunther Siegfried) vergeudet hat, will die Orchesterzwischenspiele herübernehmen zum Schwur des II. Aktes und neues komponieren, eine Erfahrung, die ihm ganz neu ist.

… und nächsten Tag:

Wie ich mit den Kindern im Garten arbeite, ruft er mir zu: „Ich habe einen wundervollen Gedanken, kann dir ihn aber nicht sagen.“ Ich laufe hinauf, und da teilt er mir mit, dass das Thema, das „du schon gehört, das dir gefiel“, das bei Siegfrieds plötzlichem Erscheinen aus dem Busch erklingt, dasselbe ist, dass die Mannen singen werden, welche über Hagen lachen; eine Art Gibichungen-Lied, das die sonderbare gemütliche Behaglichkeit von Hagen ausspricht. Wie selig ich bin, wenn er mir solches mitteilt; es ist mir, als wäre nie Unheil gewesen, könnte es nie Unheil geben.

Am 18. Juli erlebt Cosima wieder Wunderbares:

Nach Tisch spielt er Siegfrieds 3ten Akt durch, über alle Worte herrlich; bei der Begrüßung Siegfrieds durch Brünnhilde zeigt er mir Harfenklänge, die er hinzugefügt, gleichsam wie die Harfen der Skalden, wenn sie in Walhall einen Helden empfangen. Diese Klänge werden beim Tode Siegfrieds wieder erschallen. Tiefer unaussprechlicher Eindruck; schönste Liebeswerbung; Furcht Siegfrieds, Furcht vor der Schuld durch die Liebe, Brünnhildes Furcht Ahnung des Untergangs; ihre jungfräulich reine Liebe zu Siegfried echt deutsch. – Ich schaue umher nach den Menschen, die so etwas mitempfinden werden, der Vater und auch Tausig kommen mir in den Sinn.

Die zweite Szene des III. Aktes wird am 24. Juli 1871 beendet.

Am 25. August, dem Hochzeitstag von Cosima und R. Wagner, meint dieser:

Ein hübsches Zusammentreffen, ich muss jetzt Hagens Hochzeitsruf komponieren, es ist wunderhübsch!

Dann am 4. September:

Gegen Mittag ruft mich Richard und spielt mir seinen „Einfall“; Brünnhildes Empfang durch die Mannen, ihr Erscheinen wird durch das Motiv charakterisiert, welches wir gehört haben, als ihr vor Siegfried bangt, „als das andre über sie kommt“, wie R. sagt.

… und zwei Tage darauf:

Wir sprechen von Siegfrieds und Brünnhildes Liebe, die keine erlösende Welttat vollbringt, keinen Fidi (Kosename ihres Sohnes) hervorbringt; die Götterdämmerung das Tragischste, dafür aber sieht man vorher das höchste Glück durch die Verbindung zweier vollendeter Wesen. Siegfried weiß nicht, was er verschuldet; als Mann, einzig der Tat zugewendet, erkennt er nichts, er muss fallen, dass Brünnhilde zur höchsten Erkenntnis gelangt.

Am 27. September war Wagner sehr absorbiert von seiner Arbeit und am nächsten Tag erfährt Cosima den Grund:

die Stelle, wo Brünnhilde Siegfried sagt, wie das Schwert zwischen ihnen beiden wonnig gehangen hätte, ging ihm durch den Sinn, heute hat er sie zu seiner Zufriedenheit festgestellt, „es kam hier alles auf Konzision an und dass keine Modulation stattfand“, die Trompete, die hat ihm gefallen.

Gleich am nächsten Tag hat er …

einen griechischen Chor komponiert …, aber einen Chor, der gleichsam vom Orchester gesungen wird; nach Siegfrieds Tod, während des Szenenwechsels, es wird das Siegmund-Thema erklingen, als ob der Chor sagte, er war sein Vater, dann das Schwertmotiv, endlich sein eignes Thema, da geht der Vorhang auf, Gutrune tritt auf, sie glaubt, sein Horn vernommen zu haben; wie könnten jemals Worte den Eindruck machen, den diese ernsten Themen neugebildet hervorrufen werden, dabei drückt die Musik stets die unmittelbare Gegenwart aus.

Am 3. Oktober notiert Cosima:

R. arbeitet und spielt mir dann das herrlich dämonische „helle Wehr“ der armen Brünnhilde. Oft, sagt er, kommt es ihn an mit schaudern, wenn er es plötzlich müde würde, an diesem Werk zu schaffen – – „doch“, beruhigt er mich, „jetzt, da ich so weit bin, werde ich es wohl auch fertigmachen“.

… und am 10. Oktober:

Heute vor 18 Jahren sah ich Richard zum ersten Mal. Es war in Paris, er las uns die Götterdämmerung vor, „die ich nun erst fertig mache; ohne dich hätte es nie gedämmert“, sagt er.

Am nächsten Abend spielt (er) aus Tristan und Siegfried.

Wehmütige Stimmung R.s und mir; für mich ist namentlich das Aufhören der Musik wie der Todesstoß, der mich dem Leben wiedergibt!

Am 18. Oktober ist Wagner sehr angegriffen, …

arbeitet nicht, denkt aber stets an seine Arbeit, das Thema der Rheintöchter im dritten Akt hat er, jedoch müsste er, wie er sagt, eine Änderung des Textes vornehmen, das tut er nicht gern.

Am 25. Oktober notiert Cosima:

R. hat heute die Bleistift-Skizze seines zweiten Aktes vollendet; alle alle Götter und Geister seien gesegnet und bedankt: Der „Weihstein“ ist ihm heute angekommen, zu welchem der Hochzeitszug abgeht und sie gleichsam Brünnhilde abholen. Brünnhildes Blick!!

Am 19. November beendete Wagner die Kompositionsskizze des II. Aktes der „Götterdämmerung“ und sagt zu Cosima:

„Nun habe ich dir doch jedes Jahr einen Akt geschrieben.“ Große Freude!

Den Beginn des III. Aktes hatte er sich für den Neujahrstag vorgenommen, dies teilt er dem König am 27. Dezember 1871 mit:

Hier, in den Schoß meiner Lieben zurückgekehrt, sammle ich mich denn nun, um mit Neujahr an die Vollendung meines Werkes mit der Ausführung der Musik zu dem letzten Akte der „Götterdämmerung“ zu gehen: die Oster-Sonne soll den „Finis“ begrüßen. –

O, mein holder König! Was dies heißt!! Die Beendigung meines Nibelungenwerkes? Wie hätte ich das sonst je noch für möglich gehalten! Tief steht es in mein Dasein geschrieben, Wer dieses Wunder durch mich ermöglichte!

So seien Sie, Herrlicher, Wundervoller! Mir aber- und abermals gesegnet, gelobt, geliebt und gepriesen! Überall hin begleite Sie der Freudenruf meiner Seele, und sage Ihnen, dass es wohl ein göttliches Glück selbst auf dieser Erde gebe!

Am 21. Februar 1872 notiert Cosima:

R. arbeitet und beendet die Antwort Siegfrieds an die Rheintöchter, indem er die zwei Verse streicht, die zu reflektiert sind: „Siegfried ist nur Aktion – dabei kennt er doch das Schicksal, das er über sich nimmt.“ Er spielt mir, was er eben vollendet – höchste tragische Wirkung!

… und zwei Tage später:

zu Mittag sprechen wir von der Rheintöchter-Szene; er zeigt mir, wie die Mädchen zu Siegfried sehr nahe kommen, dann wieder untertauchen, jubelnd und lachend ihn dem Verderben weihen, mit der ganzen kindlichen Grausamkeit der Natur, die nur die Motive zeigt und gleichgültig das Individuum preisgibt; und darin wiederum die größte Weisheit zeigt, die nur durch die Weisheit des Heiligen überboten wird.

Am 25. Februar hat er die erste Szene nun vollends zu Tinte gebracht; „Siegfried habe ich einen Schrei gegeben! Der Kerl schreit wie eine wilde Gans“.

Stetig wächst das große Werk weiter. Am 12. März spielt er mir gegen Mittag die herrliche Todessymphonie, „das ist ein Heldengesang, so wird er und seine Ahnen in späten Zeiten besungen. „Siegfried lebt ganz in der Gegenwart, er ist der Held, die schönste Begabung des Willens.“

Am 17. März 1872 sagt R., er habe das Komponieren sehr satt, er habe schon so viel gemacht, bei der Ankunft der Leiche Siegfrieds könnte er eigentlich auf die Partitur schreiben, vide Tristan III. Akt. –

Überhaupt ist mit diesem nicht zu Ende gehen wollenden Winter Wagners Stimmung auf den Tiefpunkt gesunken. Die zum schöpferischen Schaffen so notwendige Unbeschwertheit wird noch durch drei weitere Gründe eingeschränkt. Der 5. April enthält folgende Notiz:

R. ist ziemlich wohl, seine Arbeit aber macht ihm keine Freude, „und wie sollte es wohl sein“, sagt er, „drei Dinge stehen mir immer bevor: der König, der nur darauf wartet, dass die Sachen fertig seien, um sie zu schänden; Schott, der das Eigentumsrecht verlangt, um sie an die Theater zu verkaufen; Weber, der nach seinem Belieben die Dichtung auflegen will, so dass ich lieber alles vernichten möchte“.

Am 9. April 1872 ist die Bleistiftskizze des III. Aktes der „Götterdämmerung“ fertiggestellt. Und nun braucht es noch mindestens zwei Monate, um die Niederschrift in Tinte auszuführen.

So teilt Cosima am 22. Juli mit:

Mir fehlt die Kraft, um die Ergriffenheit zu schildern, die sich meiner bemächtigt, als R. mich rief, um mir zu melden, dass er die Skizze beendigt habe. Er spielt mir den Schluss vor, und ich weiß nicht, ob ich von den erhabenen Tönen oder von der erhabenen Tat tiefer erschüttert bin. Mir ist es, als ob mein Ziel erreicht sei und ich nun die Augen schließen könnte.

Im nächsten Schritt folgt die Instrumentierung. Am 2. Mai 1873 wird festgehalten:

R. geht an seine Partitur, was ihm zuerst schwerfällt. Eine Seite wird heute vollendet.

Am 4. Juli notiert Cosima:

nach Tisch Gespräch über Siegfried und Brünnhilde, dass ersterer nicht tragisch sei, weil er nicht zum Bewusstsein seiner Lage kommt, ein Schleier ist über ihm, seitdem er Brünnhilde für Gunther geworben, aber alles unbewusst, der Zuschauer erkennt es. Wotan und Brünnhilde sind tragisch.

Es gehörte fest zum Tagesablauf im Hause Wagner, sich gegenseitig des Abends aus den Werken großer Meister vorzulesen. So z. B. am 19. Juli 1873:

Wir beginnen den „Mythus von Thor“ von Uhland. R. erzählt mir, er habe das Glockenspiel seinem Orchester beim Abschiedsgruß von Brünnhilde beigefügt, als exzentrisches Moment, als ob die Flamme freudig loderte. –

… und am 3. September:

Wie ich ihm sage, er solle unsere Abendlektüre ganz nach seinem Sinne bestimmen, erwidert er, es ginge ihm hier wie Siegfried und Brünnhilde, er höre mich, freue sich daran, unbekümmert um den Sinn.

Neben dem Schaffensprozess hing wie ein Damoklesschwert über Beiden die Vorbereitung, die Ermöglichung, der Aufführung des „Ringes“. Der Verkauf der Patronatsscheine lief sehr schleppend und demzufolge fehlte das Geld, um den Bau des Festspielhauses zu bezahlen. Cosima gewährt am 12. September einen Einblick in ihre Gemütslage:

R. schreibt an den Großherzog von Oldenburg und an den König v. W. (Württemberg), sein Unternehmen empfehlend – mir ist es so schwer um das Herz, wie viele Tage sind es nun, dass er an der Partitur nicht arbeiten konnte! Ich fühle eine förmliche Angst, dass er diese Partitur gar nie fertig bekommt, wenn es so weiter geht. Wir denken wieder an Konzerte. – – – Dabei hat sich soeben der König v. B. (Bayern) ein Schloss für 200.000 Gulden gekauft.

Der deutsche Kronprinz hat sich angekündigt, Bayreuth zu besuchen. Wird sich dadurch eine Chance ergeben, dem Festspielunternehmen einen mächtigen Gönner zu gewinnen?

Der Prinz besucht Kirche, Opernhaus, Schlösser; unser Theater nicht, das einsam und fern von allem für sich steht, das Kreuz, daran wir geheftet, der Tempel, worin wir beten.

Am 15. September geht Wagner wieder an die Partitur, obwohl er immer noch keinen adäquaten Ersatz für seine zerbrochene Goldfeder – ein Geschenk von Mathilde Wesendonck – bekommen hat.

Zwei Tage später bemerkt er …

wenn er so mit der Partitur fortführe, würde er nicht fertig; gestern sprach er mir von dem englischen Horn (S.), welchem er die ganze Unschuld der Gutrune auszusprechen gegeben habe.

Am 17. November beginnt Wagner mit der Szene von Waltraute und Brünnhilde und am nächsten Tag erzählt er über Brünnhilde und ihre Liebe:

Abends Luther’s Heirat, sehr schön. R. kommt immer wieder auf die Idee seines Lustspiels zurück. Man muss die Dürer’schen Frauen (in Bamberg) gesehen haben, um diese Ehen zu verstehen. Da ist allerdings nichts von der verzehrenden Liebe, welche den Mann auffrisst, wie Tristan, wie „Antonius und Cleopatra“, in welch letzterem noch dazu die Erkenntnis ist, dass das Weib ein schlechtes ist. Diese Liebe ist es, die Brünnhilde verherrlicht, und es war sehr merkwürdig, dass ich inmitten der Nibelungen-Arbeit das Bedürfnis hatte, dieses Eine, das in dem großen Gedicht nicht erschöpft werden konnte, bis zum äußersten darzustellen, und Tristan entwarf. Alles unbewusst, nur immer getrieben. Bei den Rheintöchtern ist die Liebe nur ein Naturergebnis, und dazu kehrt es am Schluss zurück, nachdem es aber durch Brünnhilde zur Weltvernichtung, Welterlösung geworden ist.

Am 4. Dezember 1873 notiert Cosima:

R. arbeitet, er ist bei der Szene der Waltraute angelangt – und erschrak selbst über seine Harmoniefolgen. Er spricht von seiner Arbeit und sagt: Siegfried verlässt Brünnhilde, um auf Raub zu gehen, „nun müssen sie sich ernähren, er muss einige Könige tributpflichtig machen“. Von Waltraute spricht er: Wie sie nicht als einfache Botin, sondern als ganz von Leid verzehrt zu Brünnhilde spräche.

Drei große „Baustellen“ sind es, die seit einiger Zeit auf Wagner lasten …

R. ist seiner Partitur sehr müde, er hofft den ersten Akt bis Neujahr vollendet zu haben. Zu viel hat er sich aufgetürmt. Haus, Theater, Partitur usw….

und so ist es am 25. Dezember 1873 – Cosimas Geburtstag – soweit:

Richard schenkt mir den ersten Akt der Götterdämmerung, instrumentiert!!!

Am 27. Dezember …

vormittags spielt er die Szene zwischen Alberich und Hagen und freut sich des Eindruckes, den sie machen würde, wenn Hill und Scaria sie singen würden, „das wird wirken, wie wenn zwei seltsame Tiere miteinander sprechen, man versteht nichts, und alles ist interessant“.

Am 20. Januar 1874 beginnt Richard Wagner den 2. Akt der Götterdämmerung.

Am 8. Mai stellt er rückblickend fest:

Welch merkwürdige Nacht muss das gewesen sein, wo Wotan die Erda bezwang; das ist ganz meine Erfindung – ich weiß nichts von Zeus und Gäa etwa, oder in einem Dichter ist mir nichts aufgefallen, wie zuweilen ein Zug, welcher den meisten entgeht, unsereinem sehr auffällt. Diese Nacht, wo Brünnhilde gezeugt wurde – es ist nur unter dem Begriff des Göttlichen sich vorzustellen; der Reiz, dieses warnende Weib zu bezwingen, um von ihr alles zu erfahren.

Für den 31. Mai hält Cosima fest:

R. arbeitete, sagt mir aber, er gebrauchte völlig ein zweites Orchester, um seine Gedanken ganz wie er es möchte auszudrücken. Er spricht von dem Thema, welches Brünnhildes Seelenstimmung darstellt, während Siegfried im ungestümen Jubel im zweiten Akt davoneilt. „Es ist bei mir nicht die Sucht, Effekte hervorzubringen, sondern immer andere Instrumente hinzutreten zu lassen, um mit den anderen abzuwechseln; keine Virtuosenspiele treiben. Dazu kommt, dass ich Pedant eine gute Partitur für den Druck machen will, führe ich fort, wie ich die Nibelungen begonnen hatte, alle Instrumente durcheinander, es ging besser, ich müsste aber einen ungeheuer gescheiten Kerl dabei haben zum Kopieren.“

Als am 5. Juli 1874 abends der erste Akt der Götterdämmerung vorgenommen wird, hält Cosima dazu fest:

Wie Brünnhildens Versunkensein in den Ring kommt, sagt mir R.: „So muss es wohl den Frauen sein, wenn sie einsam sind.“

Einen Einblick in Wagners Arbeitsweise hält Cosima am 24. Juli 1874 fest:

so erzählt er, dass, wie er einmal eine Partie nach [ ](Leerstelle) mit Dr. Wille und Herwegh machte, er so müde geworden sei, dass er die Männer bat, ihn an einem gewissen Punkt zu lassen und ohne ihn weiter zu gehen; da habe Dr. Wille, in seiner Rohheit vermeinend, es sei dies Trägheit, R. in den Rücken gestoßen und nur vorwärts geheißen, ein derbes Schimpfwort entlud R.s Wut, und bei dieser Szene ist ihm die ganze Apostrophe von Loge an die Rheintöchter (Worte und Musik), ursprünglich nicht mit konzipiert, eingefallen! „Ja wie einen das anfliegt! Das kann man nicht sagen! Wie der Zusammenhang da steht. Wenn ich am Klavier sitze, so ist es nur, um mich zu erinnern, da fällt mir nichts Neues ein, ich suche das zu finden, was mir zuweilen in den ärgerlichsten Momenten beikam! Das empörte Minna, meine erste Frau, dass während der fürchterlichsten Szenen, die sie mir machte, ich ruhig blieb, weil mir für Tristan oder Walküre etwas einfiel“. Er meint, dass, weil im Ärger doch die Kräfte des Menschen angespannt sind, sein eigentliches Wesen sich da auch durch die größten Inkongruenzen durch regt; nur zur Ausführung bedarf es der Ruhe und eines gewissen Behagens, die künstlerische Arbeit erfordert diese, die Inspiration lacht aller Nöte wie alles Wohlseins. Er erinnert mich daran, dass er mit dem Quintett der Meistersinger nicht zufrieden gewesen sei und ich ihn, bei der Komposition eintretend, gebeten es beizubehalten, weil es ihm war, als ob der eigentliche Einfall anders gewesen, bis er es auch fand, dass es der war; das Komponieren ist ein Suchen nach dem, was einem Gott weiß wie, wo und wann einfällt.

Am 22. September 1874 …

erzählt mir R., bei der Erzählung von Siegfried im Walde würde im Orchester das Waldweben aus Siegfried bloß angedeutet werden, denn hier müsse das Schicksal Siegfrieds wirken und nicht zerstreut durch ein Naturereignis werden, ein anderes sei es gewesen, wo er hätte das Waldweben wirken lassen wollen, und jetzt; er könne überhaupt nie wiederholen, da fände er selbst den Ton zum Transkribieren nicht.

… und am 9. Oktober:

vorgestern ließ er die Raben kreischen, und gestern sagte er: „Nun, man kann nicht sagen, dass Hagen Siegfried rücksichtslos erschlägt, da er ihn im Rücken trifft!“

Am 11. Oktober:

R. arbeitet jetzt an der „Leichenmusik“, wie er es nennt.

Am 15. Oktober hält Cosima fest:

R. klagt mir, dass er noch 50 Seiten Partitur zu schreiben hat!

Am 26. Oktober …

am Abend arbeitet R. an seiner Partitur und schlägt Gunther tot, wie er sagt.

Am 29. Oktober notiert Cosima:

Noch einen Monat, wenn die Götter ihm Ruhe gönnen, wird er brauchen, um fertig zu werden. Vollendet das hehre Werk. – Tränen erfüllen meine Augen, wenn ich das bedenke.

Am nächsten Tag …

singt R. aus dem Schluss der Götterdämmerung und sagt, er habe gestern gemerkt aus der Kombination dieses Schlusses, dass er alles könne, wenn er wolle; wie ich ihm lachend antworte, dass ich dies wohl glaube, erwidert er, „nein, für gewöhnlich fehlt die Routine mir sehr, ich muss wollen“.

Der 16. November enthält folgendes:

Wie ich um die elfte Stunde zu ihm hinunterkomme, sagt er: „Gerade schreibe ich: Hagen gewahrt mit höchstem Schrecken die Rheintöchter.“

Und schließlich der 21. November 1874:

Dreifach heiliger, denkwürdiger Tag! Gegen die Mittagsstunde ruft mir R. hinauf, ich möchte ihm die Zeitungen hinabreichen; da er mir gestern geklagt, wie angestrengt er sei, und noch versichert, er würde erst Sonntag fertig, vermeinte ich, er könne vor Müdigkeit nicht mehr arbeiten, scheu wich ich der Frage aus; um ihn zu zerstreuen, warf ich ihm den eben erhaltenen Brief des Vaters hin, vermeinend – da er freundlich in Bezug auf unsere Reise nach Pest war – ihn zu zerstreuen. Es läutet zu Mittag, ich treffe ihn, den Brief lesend, er verlangt Erklärungen von mir, ich sage ihm, was ich hierüber zu antworten gedenke, vermeide mit Absicht, auf das Partiturblatt zu blicken, um ihn nicht zu kränken. Gekränkt zeigt er mir, es sei vollendet, und sagt bitter zu mir: Wenn ein Brief des Vaters käme, sei alle Teilnahme für ihn, alles weggewischt – ich unterdrücke den Schmerz des Mittags, doch wie R. nachher die bittre Klage wiederholt, so muss ich in Tränen ausbrechen und weine noch jetzt, indem ich dies schreibe. So ist mir denn diese höchste Freude geraubt worden, und gewiss nicht durch die schlimmsten Regungen in mir! „Dass wissend würde ein Weib.“ Dass ich unter Schmerzen mein Leben diesem Werke geweiht habe, erwarb mir nicht das Recht, seine Vollendung in Freude zu feiern. So feierte ich sie im Schmerze, segne das hehre, wundervolle Werk mit meinen Tränen und danke es dem argen Gott, welcher mir auferlegte, diese Vollendung zuerst durch meinen Schmerz zu sühnen. Wem ihn sagen, wem ihn klagen diesen Schmerz, gegen R. kann ich nur schweigen, diesen Blättern vertraue ich es an, meinem Siegfried, sie mögen ihn lehren: keinen Groll, keinen Hass, grenzenloses Mitleid mit dem armseligsten Geschöpf, dem Menschen. Und so freue ich mich meines Schmerzes und falte dankbar die Hände. – Was mir ihn verhängte, war nichts Übles, ihn von ganzer Seele hinzunehmen ohne Groll gegen das Los, ohne Vorwurf gegen irgendeinen, bleibt meine Stütze. – Mögen andere Schmerzen durch diesen einen, so unaussprechlichen gesühnt sein. Die Kinder sehen mich weinen, weinen mit, sind bald getröstet. R. geht zur Ruhe mit einem letzten bittren Wort, ich suche nach Tristanischen Klängen auf dem Klavier; jedes Thema ist aber zu herb für meine Stimmung, ich kann nur in mich versinken, beten, anbeten! Wie könnte ich weihevoller diesen Tag begehen! Wie könnte ich anders danken als durch Vernichtung einer jeden Regung zum persönlichen Sein: Sei mir gegrüßt, Tag des Ereignisses, sei mir gegrüßt, Tag der Erfüllung, sollte der Genius so hoch seinen Flug vollenden, was durfte das arme Weib? In Liebe und Begeisterung leiden.