Siegfried

Entstehung

Nachdem Richard Wagner mit der Komposition von „Siegfrieds Tod“ begonnen hatte, wurde ihm allmählich klar, dass das bisher Geschaffene nicht wirklich verständlich war. Zusammenhänge mussten z. B. näher erläutert werden, damit die Tiefe des Sagenstoffes transparenter werde.

An Theodor Uhlig schreibt er am 10. Mai 1851:

Aus Weimar sind mir nun auch Anerbietungen für eine neue Oper gekommen: ich soll sie bis 1. Juli 1852 abliefern, und bis dahin und zu dieser Zeit im Ganzen 500 Taler ausgezahlt bekommen, – Nun bin ich mit dem, was ich vornehmen soll, zu neuen Resultaten gekommen. Wenn ich „Siegfrieds Tod“ mit dem ernstlichen Zwecke einer nächstjährigen Aufführung in Weimar in das Auge fasste, musste mir die Sache allerdings vollkommen unmöglich erscheinen. Wo Darsteller und Publikum dafür hernehmen? – Da hat mich nun aber den ganzen Winter schon eine Idee geplagt, die mich kürzlich endlich als Eingebung so vollständig unterjocht hat, dass ich sie jetzt realisieren werde. Habe ich Dir nicht früher schon einmal von einem heitren Stoffe geschrieben? Es war dies der Bursche der auszieht „um das Fürchten zu lernen“ und so dumm ist, es nie lernen zu wollen. Denke Dir meinen Schreck, als ich plötzlich erkenne, dass dieser Bursche niemand anders ist, als – der junge Siegfried, der den Hort gewinnt und Brünnhilde erweckt! – Die Sache ist nun fertig. Im nächsten Monat mache ich die Dichtung des „jungen Siegfried“, zu der ich mich jetzt sammle. Im Juli geht es an die Komposition, – und so unverschämtes Vertrauen habe ich zu der Wärme des Stoffes und meiner Ausdauer, dass ich im nächsten Jahre ganz ungeschwächt an der Komposition des „Siegfrieds Tod“ anzulangen gedenke. – Der „junge Siegfried“ hat den ungeheuren Vorteil, dass er den wichtigen Mythos dem Publikum im Spiel, wie einem Kinde ein Märchen, beibringt. Alles prägt sich durch scharfe sinnliche Eindrücke plastisch ein, alles wird verstanden, – und kommt dann der ernste „Siegfrieds Tod“, so weiß das Publikum Alles, was dort vorausgesetzt oder eben nur angedeutet werden musste – und – mein Spiel ist gewonnen, – um so mehr, als sich an meinem, bei weitem populäreren, dem Bewusstsein durchaus näher liegenden, minder heroischem als heiteren, jugendlich menschlichen „jungen Siegfried“ praktisch die Darsteller üben und vorbereiten, die gewaltigere Aufgabe von „Siegfrieds Tod“ zu lösen.

Deshalb schlug er Liszt vor, dem ernsten „Siegfried-Drama“ ein weiteres vorzuschalten mit dem Titel: „Der junge Siegfried“.

Er schreibt Liszt am 22. Mai 1851:

Noch hat mir der Himmel kein schönes Wetter beschert, und deshalb warte ich auf den ersten schönen, sonnigen Tag, um an der Dichtung meines „jungen Siegfried“ auch mit der Feder zu beginnen, wie er in meinem Kopfe bereits fertig ist. – Im Juli denke ich Euch das Gedicht schicken zu können.

Liszt war begeistert … und so schrieb Wagner in unglaublichen drei Wochen den Text dazu. Er vollendete ihn am 24. Juni 1851.

Doch selbst jetzt hatte er Bedenken, dass die Arbeit in diesem Umfange das Problem der Verständlichkeit gelöst hätte. Es war ihm zur Gewissheit geworden, dass er den gesamten Nibelungen-Mythus dramatisch gestalten müsse. Diese Einsicht beschreibt er ausführlich in einem Brief an Theodor Uhlig vom 12. November 1851:

Über die beabsichtigt Vollendung der großen Dramendichtung, die ich nun vorhabe, kann ich Dir jetzt nur wenig mitteilen. Bedenke, dass – ehe ich den „Siegfried Tod“ dichtete – ich den ganzen Mythos in seinem großartigen Zusammenhange entwarf, jene Dichtung war nun der – unsrem Theater gegenüber von mir als zu ermöglichen gedachte – Versuch, eine Hauptkatastrophe des Mythos mit der Andeutung jenes Zusammenhanges zu geben. Als ich nun an die volle musikalische Ausführung ging, und ich dabei endlich fest unser Theater ins Auge fassen musste, fühlte ich das unvollständige der beabsichtigten Erscheinung: es blieb eben der große Zusammenhang, der den Gestalten erst ihre ungeheure, schlagende Bedeutung gibt, nur durch epische Erzählung, durch Mitteilung an den Gedanken übrig. Um daher „Siegfrieds Tod“ zu ermöglichen, verfasste ich den „jungen Siegfried“; je bedeutender aber dadurch das Ganze sich schon gestaltete, desto mehr musste mir jetzt, als ich an die szenisch-musikalische Ausführung des „jungen Siegfried“ ging, einleuchten, dass ich das Bedürfnis nach deutlicher Darstellung des ganzen Zusammenhanges an die Sinne nur noch gesteigert hatte. Jetzt sehe ich, ich muss, um vollkommen von der Bühne herab verstanden zu werden, den ganzen Mythos plastisch ausführen.

Aber neben der Verdeutlichung des Stoffes reizte Wagner auch der sich dadurch offenbarende Gestaltungs-Reichtum:

Nicht diese Rücksicht allein bewog mich aber zu meinem neuen Plane, sondern namentlich auch das hinreißend Ergreifende des Stoffes, den ich somit für die Darstellung gewinne, und der mir einen Reichtum für künstlerische Bildung zuführt, den es Sünde wäre, ungenützt zu lassen. Denke Dir den Inhalt der Erzählung der Brünnhilde – in der letzten Szene des „jungen Siegfried“ – das Schicksal Siegmunds und Sieglindes, der Kampf Wodans mit seiner Neigung und der Sitte (Fricka); der herrliche Trotz der Walküre, der tragische Zorn Wodans mit dem er diesen Trotz straft: denke Dir dies in meinem Sinne, mit dem ungeheuren Reichtum von Momenten, in ein bündiges Drama zusammengefasst, so ist eine Tragödie von der erschütterndsten Wirkung geschaffen, die zugleich alles das zu einem bestimmten sinnlichen Eindrucke vorführt, was mein Publikum in sich aufgenommen haben muss, um den „jungen Siegfried“ und den „Tod“ – nach ihrer weitesten Bedeutung – leicht zu verstehen.

Doch damit wurde gleichzeitig klar, dass das Werk in dieser Form unmöglich für die kleine Bühne in Weimar geeignet war. Er setzte Liszt in einem ausführlichen Schreiben seine neuen Einsichten auseinander und bat ihn um Lösung des Vertrages. Dieser hatte großes Verständnis dafür, da er erkannte, dass diese, jetzt äußerst umfangreiche Arbeit, Wagners würdig sei. Er schrieb in seiner Antwort vom 1. Dezember 1851:

Dein Brief, mein herrlichster Freund, hat mich hoch erfreut. Du bist auf Deinem außerordentlichen Wege zu einem außerordentlich großen Ziel gelangt. Die Aufgabe, das Nibelungen-Epos zu einer dramatischen Trilogie zu formen und zu komponieren, ist Deiner würdig, und ich hege nicht den mindesten Zweifel über das monumentale Gelingen Deines Werkes. Meine aufrichtigste Teilnahme, meine innigste Sympathie sind Dir so gesichert, dass es nicht weitere Worte bedarf.

Also machte sich Wagner an die Arbeit und schuf „Rheingold“ und „Walküre“.

Um seine Gesundheit wieder herzustellen, beschließt Wagner anschließend einen Kuraufenthalt bei Dr. Vaillant in Mornex am Genfer See. Nur so, ist er überzeugt, kann er sich an die Arbeit des „jungen Siegfried“ wagen. Im Juni beginnt er die ca. 10-wöchige Wasserkur. Von dort schreibt er an Franz Müller:

Im Übrigen geht es bei mir stets mit Ebbe und Flut: oft bis zur tödlichsten Schwermut niedergedrückt, dann wohl auch wieder stolz, heiter und übermütig: nur dass die letztere Stimmung mehr den kurzen Sonnenblicken, jene erste dagegen den langandauernden Nebeltagen gleicht, wo mir dann oft zu Mute wird, als sollte die Sonne nie wieder durchdringen. Dass ich mit meiner Arbeit so weit zurückbleiben musste, ist mir das Peinlichste: zuvor hoffte ich, mindestens schon in diesem Frühjahre den „jungen“ Siegfried beginnen und im Laufe dieses Sommers beenden zu können, nun sehe ich ein, dass ich zunächst an Arbeit noch gar nicht, sondern einzig an die Herstellung meiner Gesundheit zu denken habe. Vor dem Spätsommer kann ich an die Wiederaufnahme der Komposition nicht denken – und das muss ich nun ertragen! –

… und etwas weiter ..

Zudem stehen den letzten Stücken nicht unbedeutende Veränderungen bevor, selbst ihre Titel werde ich nicht beibehalten: vermutlich bloß: „Siegfried“ und das letzte „Götterdämmerung“.

Namentlich aber werde ich Brünnhildes Schluss ganz neu dichten, da mir klar geworden ist, dass das Gedicht über seine ursprüngliche in jenem Schlusse noch beibehaltene, schematische Tendenz weit hinausgegangen ist, und dieser somit eine Beengung und Verkümmerung des gewonnenen Resultates ist. Natürlich bleibt im Wesentlichen dasselbe; nur die Deutung der allwissend gewordenen Brünnhilde wird eine andere, weitere und entscheidendere. Auch werden die Männer und Frauen – zum ersten Male im ganzen Werke – ganz schließlich einen breiteren Anteil nehmen und äußern.

Nach seiner Rückkehr Mitte August dreht sich für Richard Wagner alles nur noch um den bevorstehenden Besuch von Franz Liszt und seinem Anhang, der für den 20. September verabredet ist. Es tritt jedoch eine Verzögerung ein, und Wagner beginnt daher offiziell am 22. September mit der Orchesterskizze des I. Aufzuges des „Siegfried“. In den Wochen vorher muss er schon den Kompositions-Entwurf angefertigt haben, was aber nirgends dokumentiert ist.

Bevor Liszt am 13. Oktober 1856 eintraf, gelangte Wagner bis zu der Stelle: Mime: „Was verhofft‘ ich Thor mir auch Dank!“ Auf den 11. Oktober fiel auch noch der Beginn der Partitur-Erstschrift.

Liszt, der bei seinem Besuch tief in Wagners Nibelungen-Kosmos eindrang, schrieb diesbezüglich an A. Stern:

verlebe ich hier mit Wagner prächtige Tage und durchsättige mich an seiner Nibelungenwelt, von welcher unsere Handwerks-Musiker und leeres Stroh dreschenden Kritiker noch keine Ahnung haben können.

Am 30. November, nach der Abreise von Liszt, nahm Wagner am 1. Dezember 1856 die Arbeit wieder auf. Er schreibt an diesen:

Ich muss sehen, wie ich morgen früh dem Siegfried die Nachricht vom Tode seiner Mutter beibringe.

… und am 6. Dezember:

Dieser Tage werde ich mit der ersten Szene fertig. Sonderbar! Erst beim Komponieren geht mir das eigentliche Wesen meiner Dichtung auf; überall entdecken sich mir Geheimnisse, die mir selbst bis dahin noch verborgen blieben. So wird auch Alles viel heftiger und drängender. Im Ganzen aber gehört doch viel Hartnäckigkeit dazu, wenn ich das Alles noch fertig machen soll … Ich glaube auch, ich mache das Alles nur für mich, um das Leben hinzubringen. Sei’s denn! – – –

Wagner war seit längerer Zeit auf der Suche nach einer Lösung für eine dauerhafte Niederlassung, die ihm endlich die nötige Ruhe zum Komponieren verschaffen sollte. Denn die Lage in seiner Wohnung am Zeltweg hatte ihm das ganze letzte Jahr unendliche Qualen bereitet:

Ich litt so furchtbar von fünf nachbarlichen Klavieren und einer Flöte, dass ich fast rasend wurde und den mit Not und Qual beendeten ersten Akt des Siegfried als einzige Ausbeute des Winters davontrug … schreibt er an Klindworth.

Mit einem ihm gegenüber wohnenden Schmied oder Schlosser, so berichtet Frau Wesendonck, hatte Wagner eigens einen Vertrag geschlossen, wonach dieser am Vormittage nicht hämmern durfte, weil er „Siegfrieds Schmiedelied“ komponiere. Aber was half ihm dieser Schutzvertrag gegen die musikalischen Geräusche seiner unzähligen Hausnachbarschaften? Die durch letztere verursachten Leiden wuchsen während der Arbeit bis in das Unerträgliche, so dass er am Ende auf gut Glück seine Wohnung kündigte, um sich in die Lage zu bringen, für jeden Preis ein ruhigeres Logis aufsuchen zu müssen.

Gerade als er an die Stelle gelangte:

Des Vaters Stahl fügt sich wohl mir:

ich selbst schweiße das Schwert!

… erhielt er von Otto Wesendonck die Nachricht, dass dieser ihm ein Grundstück mit Gartenhaus gekauft habe, welches er ihm zum selben Mietpreis, wie derzeit am Zeltweg, auf Lebenszeit überlassen will. Dieses Haus musste aber noch renoviert und auch wintertüchtig gemacht werden, was noch geraume Zeit in Anspruch nahm.

Der ganze „Ring“ blieb noch ein gewaltiges Stück Arbeit. Der Verlag Breitkopf & Härtel zögerte, auf eine Vorfinanzierung einzugehen, die Wagner dringend benötigte, und auch das Abenteuer einer Aufführung des gesamten „Ringes“ war aus mehreren Gründen äußerst nebulös. Diese Aussichtslosigkeit ließ in Wagner neue Projekte in den Vordergrund kommen. An Marie von Sayn-Wittgenstein, der Tochter von Liszts Lebensgefährtin schreibt er am 19. Dezember 1856:

heute am „Siegfried“ komponieren wollte und unversehens in den „Tristan“ kam. … Die Nibelungen werden mir recht langweilig, doch ist Siegfried bei der Nachricht vom Tode seiner Mutter recht gut ausgefallen.

Aber heute ist mir, wie gesagt, der „Tristan“ dazwischen gekommen mit einem melodischen Faden, der sich, als ich’s lassen wollte, immer wieder von neuem ansponn, so dass ich den ganzen Tag hätte dran fortspinnen können, was nun doch aber schicklichkeitshalber nicht geht.

Und einige Tage später, am 22. Dezember, erfährt Otto Wesendonck:

Ich kann mich nicht mehr für den Siegfried stimmen, und mein musikalisches Empfinden schweift schon weit darüber hinaus, da wo meine Stimmung hin passt, in das Reich der Schwermut. Es kommt mir wahrlich Alles – recht schal u. oberflächlich vor!

Doch der Quell ist noch nicht versiegt, das bezeugt er in der ersten Januarhälfte wiederum an Marie v. S.-W.:

Mit dem Siegfried bringt es die Not nur vorwärts. Die Szene mit dem Wanderer ist famos geraten, und nun bin ich dran, das Schwert zu schmieden: heute – mitten in meinem Jammer – rief Mime aus:

nun ward ich so alt

wie Höhl‘ und Wald,

und hab‘ nicht so ‚was geseh’n!

worüber ich laut lachen musste, so dass meine Frau verwundert zu mir kam, wo sie mich mit wüstem Kopfe auf dem Kanapee wusste. – Ja, so geht’s! So ein plötzliches Auflachen und dann lange Pein! –

Am 20. Januar 1857 wurde der Kompositions-Entwurf des I. Aktes von „Siegfried“ fertig und wenig später, am 5. Februar, die Orchesterskizze. Die Partitur-Erstschrift dazu vollendete Wagner am 31. März.

Ende April konnte er endlich in sein neues Haus, in traumhafter Lage an einem See, einziehen. Hier begann er dann am 12. Mai mit der Reinschrift der Partitur.

Das neue Heim machte ihn so glücklich, dass er euphorisch an seine Gönnerin Julie Ritter schrieb:

Wollen Sie nun noch etwas Erfreuliches von mir vernehmen, so sei es die Mitteilung, dass ich diesen Winter (…) zwar nur den ersten Akt des „Siegfried“ fertiggebracht habe, dass dieser aber mir über alle Erwartung gelungen ist. Es war mir ein ganz neuer Boden, und nach der furchtbaren Tragik der „Walküre“ betrat ich ihn mit nie gefühlter Frische. Nach dem Ausfall dieses Aktes habe ich jetzt die Überzeugung, dass der junge „Siegfried“ als mein populärstes Werk eine sehr schnelle und glückliche Verbreitung gewinnen, und nach einander alle übrigen Stücke nach sich ziehen wird, so dass er vermutlich der Gründer einer ganzen Nibelungen-Dynastie werden soll. Die erste Aufführung des Ganzen wird mir aber doch erst für 1860 wahrscheinlich; denn nach gänzlicher Vollendung der Musik bedarf ich doch ein volles Jahr zu den Vorbereitungen, wenngleich diese mir dadurch erleichtert werden sollen, dass ich schon jetzt auf glückliche Talente für die Darstellung stoße. …

Im Übrigen soll mich nun nichts mehr in der Arbeit stören; zunächst verlasse ich mein schönes „Asyl“ diesen Sommer nicht, bis der Siegfried ganz fertig ist.

Neben der Reinschrift begann Wagner am 18. Juni mit der Orchesterskizze des zweiten Aktes, bis sich plötzlich die Verleger meldeten. Er schreibt am 28. Juni an Liszt:

Mit Härtels werde ich nun keine Not mehr haben, da ich mich endlich dazu entschlossen habe, das obstinate Unternehmen der Vollendung meiner Nibelungen aufzugeben. Ich habe meinen jungen Siegfried noch in die schöne Waldeinsamkeit geleitet; dort habe ich ihn unter der Linde gelassen und mit herzlichen Tränen Abschied genommen: – er ist dort besser dran als anders wo. – Soll ich das Werk wieder einmal aufnehmen, so müsste mir dies entweder sehr leicht gemacht werden, oder ich selbst müsste es mir bis dahin möglich machen können, das Werk im vollsten Sinne des Wortes der Welt zu schenken. Wirklich bedurfte es endlich nur noch dieser Auseinandersetzungen mit Härtels – als erster Berührung mit derjenigen Welt, die mir die Realisation meines Unternehmens doch ermöglichen soll –, um mich zur letzten Besinnung zu bringen, und mich die große Chimäre der Unternehmung einsehen zu lassen. Du bist der Einzige (von Bedeutung), der mit mir an die Möglichkeit glaubte, vielleicht aber doch nur, weil auch Du Dir die Schwierigkeiten nicht bestimmt genug noch vorführtest; diese Härtels, die nun aber sogleich positives Geld herausrücken sollen, sehen sich die Sache genauer an, und haben nun ganz gewiss recht, die einstige Aufführung des Werkes für unmöglich zu halten, wenn jetzt schon der Autor – ohne ihre Hilfe – nicht einmal zur Vollendung desselben gelangen sollte.

In der Orchesterskizze findet sich die Eintragung – ebenfalls am 18. Juni 1857 – Tristan bereits beschlossen! Angeregt vielleicht durch den regen Besuch von Freunden raffte sich Wagner am 13. Juli noch einmal auf und beendete die Kompositionsskizze am 30. desselben Monats. Sogar die Orchesterskizze des zweiten Aktes vollendete er noch am 9. August 1857.

Das Leben Richard Wagners sollte sich in den Folgejahren immer mehr zuspitzen. Um seine finanzielle Schieflage zu korrigieren, wollte er ein Werk schreiben, dass von allen Theatern ohne großen Aufwand schnell gegeben werden konnte. Dieses Werk – Tristan und Isolde – zog sich jedoch den Nimbus zu: unaufführbar zu sein. Bis 1864 wollte er es mit einem humorvollen Stück probieren – Die Meistersinger von Nürnberg – . Doch schon im April diesen Jahres drohte die Situation zu kollabieren. Die Anzahl der Gläubiger und der Druck, den sie auf ihn ausübten, ließen Wagner nur noch die Flucht als Möglichkeit offen, dass hieß: alles im Stich lassen und untertauchen, um dem Schuldturm zu entgehen.

Da geschah das Wunder! Der neu gekrönte König von Bayern, Ludwig II., ließ ihn durch seinen Minister suchen, um ihn an seinen Hof zu berufen. Der Märchenkönig und das größte lebende Genie hatten sich am 4. Mai 1864 gefunden!

Der König bezahlte nahezu alle Schulden Wagners, gab ihm ein ordentliches Jahresgehalt und schenkte ihm ein stattliches Haus. Der Meister sollte nur noch für seine Werke leben. So wurde vereinbart, dass die „Ring-Trilogie“ innerhalb von drei Jahren fertiggestellt werden sollte.

Gleich am nächsten Tage nach dieser Vereinbarung, dem 27. September 1864, setzte Wagner die in Zürich begonnene Reinschrift des 1. Aktes von „Siegfried“ mit der 2. Szene fort. Die Partitur-Erstschrift des 2. Aktes begann er am 22. Dezember 1864 und beschloss sie ein Jahr später, am 2. Dezember 1865. Zwei Tage später musste er München unfreiwillig verlassen, was dann auch eine nochmalige jahrelange Unterbrechung der Arbeit am „Ring“ mit sich brachte.

Erst im November 1868 begann Wagner wieder mit der Arbeit am „Siegfried“. Er fertigte zunächst die Partitur-Reinschrift des 2. Aktes an, die er dann am 23. Februar 1869 beendete. Das war notwendig, um sich nach 12 Jahren wieder so richtig in den Geist dieses Werkes einzuweben. Er schreibt an König Ludwig II. an diesem Tag:

Diese Ausführungsarbeit diente denn nun aber auch dazu, durch anhaltende Beschäftigung damit, mich gänzlich erst wieder in den Geist meines Werkes zu versetzen, und darin mich wieder so heimisch zu machen, dass ich eben nur fortfahren kann, als ob ich nie darin unterbrochen worden wäre. Gewiss war meine große Besorgnis natürlich, mit welcher ich an diese Wiederanknüpfung ging. Eine Unterbrechung von zwölf Jahren (Wagner vernachlässigt hier das eine Jahr 64/65) bei einem Werke ist gewiss unerhört in der Kunstgeschichte: und wenn es sich nun zeigt, dass diese Unterbrechung nichts an der Frische meiner Konzeption ändern konnte, so darf ich dieses wohl als Beweis dafür anrufen, dass diese Konzeptionen ein ewiges Leben haben, nicht von gestern, und für morgen nur sind.

Im selben Brief erwähnt er noch, dass er jetzt in den Bereich des dritten Aktes eintrete. In der Kompositionsskizze ist der Beginn für den 1. März eingetragen.

Am 22. März 1869 teilt er dem König mit:

Jetzt beschäftigt mich die Szene Siegfrieds mit dem Wanderer, nachdem die furchtbare Zwiesprache mit Erda ihre ausdrucksvolle Form gefunden. Sehr, sehr rührend und ergreifend wird diese entscheidungsvolle Begegnung Wotans mit seinem furchtlosen Sprossen, dem er fremd – ja, endlich feindlich sein muss, und der ihm doch das Liebste, das Urbild all seines Wollens ist! Wenn etwas mir zur Bestätigung meiner Bestimmung dient, so ist es die Freude, mit der ich mich wohlvertraut nun wieder seit so lange in diese alt-heimische Welt versenke, und so ganz in ihr zu Hause bin, als ob ich nie aus ihr geschieden wäre. –

Cosima teilt am 31. März mit:

Richard arbeitet und sagt, er sei nun drin; sein Siegfried eilt durch die Lohe.

… und am 3. Mai:

Er arbeitet nun, während ich die Kinder unterrichte. Vor Tisch spielt er mir, was er gemacht – beglückende selige Stunde, vergessen aller Erden Not und Lebensqual! Ich muss stets in Tränen ausbrechen und kann kein Wort finden, wenn ich seine Töne höre.

Einen Tag später gibt Wagner Einblick in seine Arbeitsweise:

dass beim Schaffen die Schwierigkeit nicht, die Einfälle zu haben, sondern sich zu beschränken – ihm flöge nur zu viel an, die Aufregung und Unruhe käme ihm von dem Ordnen und Wählen.

… und am 18. Mai 1869, als Ludwig II. durch einen Brief von Hofrath Düfflipp schon an Wagners Geburtstag, dem 22. Mai, gedenkt, antwortet Wagner:

Meinen Geburtstag, Allerteuerster! Lassen Sie mich dieses Mal an dem Tage feiern, an welchem ich den vollendeten Siegfried in Ihre Hände lege. Nur noch wenige Geburtstage habe ich zu erleben, doch diese seien von nun an die Tage der Geburt eines neuen Werkes: nur nach solchen will ich fortan noch die Marksteine meines Lebens gestellt wissen. So bleibe ich auch jünger, als wenn mein Leben nach diesen jammervollen irdischen Lebenstagen gezählt würde, deren Anhäufung zu Jahren für mich keinen Sinn mehr hat.

Erst jetzt, da ich der Vollendung der wieder aufgenommenen Arbeit mich nähere, erkenne ich, welches unvergleichliche Glück es war, dass ich hierzu wieder fähig gemacht werden konnte: mir musste der ungemessenste Glaube an meine Bestimmung erweckt werden, um die Kraft hierfür zu finden. Aber es ist eine ernste, sehr angreifende Arbeit: namentlich reiben mich die wehevollen, schmerzlich-leidenschaftlichen Stellen sehr auf. Ich bin mit den Kompositionsskizzen jetzt bis zu den Worten: „Sonnenhell leuchtet der Tag meiner Not!“ vorgedrungen.

Weil ihn die Arbeit auch körperlich so angreift, will er nach Fertigstellung der Komposition erst einmal zur Kur fahren.

Doch jetzt, holdester Herr! – keinen Tag Unterbrechung, keine Zerstreuung! Denn ich bin am allerzartesten und aufgeregtesten Punkte meiner Arbeit: an der Kristallisation des zum Schlusssteine bestimmten Juweles! – … Somit: kein Geburtstag! Kein Fest! Auch auf Tribschen soll es nicht beachtet werden! Nur was das stille Gedenken Uns sagt, das sei treulich still gehegt, und erblühe als Blume in den Jubeltönen Siegfrieds und Brünnhildes!

Im Dankesbrief an den König für seine Geschenke vom 26. Mai schreibt Wagner:

„Heil Siegfried! Wecker des Lebens!

Lust der Welt!“

Bald, bald habe ich die letzten Töne des Jubelliedes aufgezeichnet! Nicht lange mehr, und Alles liegt vollendet zu Ihren Füßen!

Am 16. Juni (14. steht auf Kompositionsskizze) ist schließlich die Komposition des 3. Aktes beendet. Cosima schreibt:

Um ein Uhr kommt er mit den Skizzen in der Hand, „richtig ausgetragen“ steht drauf, er meint, jetzt ist unser Kind erst geboren. Er ist göttlich wieder, dieser Akt! (einige Tage vorher kam ihr Sohn Siegfried zur Welt)

An König Ludwig II. schreibt er am 1. Juli 1869:

Und nun zu dem Allerheitersten: zu Siegfried! Dieser ist nun bis zu Ende skizziert: Alles steht fest. Nun habe ich zunächst noch die wilden, nur mir verständlichen Aufzeichnungen in eine solidere Notenschriftsprache zu übertragen: diese Ausarbeitung erfordert viel Zeit und Geduld; wie ernstlich ich es aber damit meine, mögen Sie daraus ersehen, dass ich, alle Umstände wohl erwägend, auch für dieses Jahr meine Kur aufgegeben habe. Ich hatte hierfür jetzt, wo die Zeit für solche Kuren eintrat, mich zu entscheiden: meine Wahl fiel darauf, mich in der Vollendung meines Werkes nicht unterbrechen zu lassen. Mein guter Genius möge nun dafür sorgen, dass ich dies nicht zu bereuen habe! Mein Plan ist nun, dass ich um die Zeit Ihres teuren Geburtstages mein Werk jedenfalls so weit habe, dass ich die zwei ersten Akte Ihnen in letzter vollendeter Abfassung vorlegen kann, den dritten Akt aber aus der Orchesterskizze Ihnen ganz vorspielen kann, wenngleich dann die Ausarbeitung der Instrumentation mich noch einige Zeit in Beschlag nehmen wird. Was ich jetzt schreibe, ist nun einmal von höchster Reife und Fülle: nichts kann ich machen, um es eben nur gemacht zu haben. Und dazu bedarf ich vieler Zeit, weil die guten Stunden, in denen ich Solches schaffe, nur noch selten sich finden können.

Am 4.(5.) August 1869 beendet Wagner die Orchesterskizze des 3. Aufzuges. Als nächstes macht er sich an die Instrumentation. Er beginnt damit am 25. August und setzte diese Arbeit bis Ende Oktober fort.

Die endgültige Fertigstellung des „Siegfried“ wird nun immer weiter herausgeschoben.

Das Ganze hatte einen bestimmten Grund: Wagner hatte sich ja dem König gegenüber vertraglich verpflichtet, den Ring-Zyklus fertigzustellen. Sein ganzes Schaffen gehörte Ludwig II., was von Wagner durchaus erwünscht war. Er wollte ja einzig seinen Werken leben, von allen niederen Sorgen befreit und das garantierte wiederum der König. Dafür gehörten diesem aber auch die Ring-Werke.

Wagner hatte sich ja bekanntlich vorgenommen, den „Ring“ fertigzustellen und dann aufzuführen. Das dauerte Ludwig aber zu lange und er befahl die Aufführung der beiden, schon fertiggestellten Werke „Rheingold“ und „Die Walküre“. Da das nun überhaupt nicht im Sinne von Wagner war, befand er sich in einer „Zwickmühle“. Sein Groll darüber trieb ihn schließlich dazu, alles zu unternehmen, um seinen „Siegfried“ nicht auch noch preisgeben zu müssen.

Erst zu Beginn des Oktobers, am 6., beginnt Wagner, angeregt durch ein zugesandtes Porträt des Malers Lenbach von Cosima, mit der Arbeit am III. Akt des „Siegfried“. Der eigentliche Grund war aber der, dass die ersten Korrekturfahnen des Stiches der Siegfried-Partitur im Sommer bei ihm eingingen. Damit war er unter Druck gesetzt, dem Verleger Schott eine kontinuierliche Arbeit zu ermöglichen, da das Verfahren sehr kostspielig war.

In den ausklingenden Oktobertagen, als sich der Krieg schon mehr nach Frankreich verlagert hat, notiert Cosima:

R. instrumentiert die Szene zwischen Wotan und Siegfried und sagt, es sei die schönste Szene, die er gedichtet, fügt dann scherzend hinzu: Wotan ist tragisch, weil er zu lange, und Siegfried, weil er zu kurz lebt.

Zum Ende des Jahres 1870 meldete sich Schott noch einmal wegen des III. Aktes der ausstehenden Siegfried-Partitur. Wagner versuchte ihn zu besänftigen:

Es tut mir leid, dass Sie im Betreff des „Siegfried“ bis zur Mahnung an mich zu schreiten sich genötigt sehen mussten: allerdings war ich schließlich gegen die Vollendung der Partitur des „Siegfried“ durch die diesjährige Hinrichtung (vulgo: Execution) der „Walküre“ in München in die übelste Laune geraten, da ich erfuhr, dass mein allerdurchlauchtigster Protektor nur auf den Empfang der Siegfried-Partitur spannt, um mit ihr sofort die gleichen Experimente vorzunehmen. Wenn ich im Allgemeinen nun meinen Gegenplan für eine Gesamtaufführung dieser Nibelungenstücke nach meinem Sinne ausarbeite, und im Stillen seine Ausführung vorbereite, so zog es mich jetzt mehr zu der Komposition des letzten Stückes „die Götterdämmerung“ hin, darin ich denn auch bereits ziemlich weit gekommen bin. Doch habe ich nun auch die Partitur des letzten Aktes von „Siegfried“ in Arbeit genommen: bereits vor 3 Wochen ist die erste Hälfte davon an Klindworth abgegangen, und mit Neujahr folgt der Schluss nach.

Und am 28. Dezember 1870 fasst Wagner dem König gegenüber seine Beweggründe diesbezüglich noch einmal zusammen:

Gestärkten Mutes trete ich in dieses neue Jahr, das hoffentlich mein großes Werk in entscheidenster Weise fördern soll; ich gedenke in ihm auch die ganze Komposition der „Götterdämmerung“ zu vollenden. Ich habe die Fortsetzung der Komposition des Ganzen der letzten, so sehr ermüdenden Ausarbeitung der Instrumentation des einzelnen, in der Komposition vollendeten Teiles, als für das Gedeihen der ganzen Arbeit vorziehen müssen, sowohl um das Ganze in einem Gusse zu fördern, als auch um meiner häufig sehr angegriffenen Gesundheit die unerhörte und durch ihr Anhalten mich erschöpfende Mühe der Partitur-Niederschrift zunächst noch zu ersparen. Ich bin überzeugt, dass die vorangehende Vollendung der ganzen Komposition, da sie für die Erfindung einzig die Hauptsache ist, mich sehr heiter und frei stimmen wird, so dass ich meiner Gesundheit dann mit leichtem Mute die letzte, durch ihre Masse allerdings sehr ermüdende Anstrengung zumuten kann.

Am 5. Februar 1871 ist die Partitur des „Siegfried“ fertiggestellt.