Das Rheingold
Entstehung
„Das Rheingold“ ist die Einführungs-Oper der Ring-Trilogie, sie wird auch als „Vorabend“ bezeichnet. Im Schaffensprozess des Gesamtwerkes nimmt sie jedoch einen Abschnitt ein, der erst im späteren Verlauf angesiedelt ist. „Siegfrieds Tod“ und „Der junge Siegfried“ waren schon fertig gedichtet, als Richard Wagner klar wurde, dass der gesamte „Nibelungen-Mythos“ dargestellt werden müsse, um Verständlichkeit zu erreichen.
Also schreibt er vom 23. – 31. März den Großen Prosaentwurf des „Rheingold“, da noch als „Der Raub des Rheingoldes“ benannt. Im November 1852 ist die Dichtung vollendet.
Bevor Wagner mit der Komposition beginnen konnte, stand erst noch ein Umzug in eine größere Wohnung in Zürich an, wo er seit seiner Flucht aus Deutschland lebte.
Im Mai 1853 veranstaltete er ein großes Musikfest mit Ausschnitten aus seinen drei Opern „Der fliegende Holländer“, „Tannhäuser“ und „Lohengrin“. Von „Lohengrin“ hatte er bisher noch keine Klänge durch ein Orchester gehört und jetzt wollte er endlich einmal das Vorspiel vernehmen. Es wurde ein grandioser Erfolg!
Im Juli kam Liszt zu einem längeren Besuch nach Zürich, was Wagner immer alle Unannehmlichkeiten in der Welt vergessen ließ. Mit seiner Abreise begab er sich mit dem Dichter Herwegh zu einer Kur nach St. Moritz bis Mitte August. Zehn Tage nach seiner Rückkehr trat er endlich seine lang ersehnte Italienreise an, damit sich die nötige Stimmung für seine Komposition einstelle. Selbst erzählt er:
Endlich trat der Monat September ein,von welchem man mir gesagt hatte, dass er für den Besuch Italiens bereits empfehlenswert sei. Mit unerhörten Vorstellungen von dem, was mich erwartete, und was meinem Suchen erfüllungsvoll entgegentreten sollte, begab ich mich jetzt über Genf auf meine Reise. Wiederum nur unter den seltsamsten Abenteuern gelangte ich, mit Extra-Post, über den Mont Cenis nach Turin. Gänzlich ohne Befriedigung von diesem Aufenthalte, eilte ich nach Tagen sofort nach Genua. Hier schien mir nun allerdings das ersehnte Wunder aufgehen zu wollen. Der herrliche Eindruck dieser Stadt kämpft noch bis heutigen Tages die Sehnsucht nach dem übrigen Italien in mir nieder. Ich fühlte mich einige Tage in wahrhaftem Rausche; wohl war es aber meine große Einsamkeit, mitten unter diesen Eindrücken, welche mir alsbald wieder das Fremdartige dieser Welt, und dass ich in ihr nie heimisch sein würde, zur Empfindung brachte. Unfähig und ohne alle Anleitung dafür, nach regelmäßigem Plane den Genuss eigentlicher Kunstschätze aufzusuchen, gab ich mich mehr nur einem gewissen, musikalisch zu nennenden Gefühle des neuen Elementes hin, und suchte vor allen Dingen den Punkt, der in ihm zum Verweilen und zu ruhigem Genusse mich bestimmen würde. Denn immer ging mein Trieb nur auf den Gewinn eines Asyles hin, welches mir die harmonische Ruhe zu neuem künstlerischen Schaffen gewähren sollte. – Da sich, namentlich infolge des unvorsichtigen Genusses von Gefrorenem, sehr bald die Dysenterie bei mir einstellte, trat in mir plötzlich auf die erste Exaltation eine vollkommen entmutigende Abspannung ein. Ich wollte dem ungeheuren Geräusche des Hafens, an welchem ich wohnte, entfliehen, um die äußerste Stille aufzusuchen, und glaubte mich durch einen Ausflug nach Spezzia retten zu müssen, wohin ich nach acht Tagen mit dem Dampfschiff abging. Auch diese, nur eine Nacht dauernde Fahrt wurde mir durch heftigen konträren Wind sogleich wieder zu einem peinlichen Abenteuer gestaltet. Meine Dysenterie vermehrte sich durch Seekrankheit, und im allererschöpftesten Zustande, kaum mich fortzuschleppen fähig, suchte ich in Spezzia den besten Gasthof auf, welcher zu meinem Schrecken in einer engen, geräuschvollen Gasse lag. Nach einer in Fieber und Schlaflosigkeit verbrachten Nacht zwang ich mich des andren Tages zu weiteren Fußwanderungen durch die hügelige, von Pinienwäldern bedeckte Umgebung. Alles erschien mir nackt und öde, und ich begriff nicht, was ich hier sollte. Am Nachmittage heimkehrend, streckte ich mich todmüde auf ein hartes Ruhebett aus, um die langersehnte Stunde des Schlafes zu erwarten. Sie erschien nicht; dafür versank ich in eine Art von somnambulen Zustand, in welchem ich plötzlich die Empfindung, als ob ich in ein stark fließendes Wasser versänke, erhielt. Das Rauschen desselben stellte sich mir bald im musikalischen Klange des Es-Dur-Akkordes dar, welcher unaufhaltsam in figurierter Brechung dahin wogte; diese Brechungen zeigten sich als melodische Figurationen von zunehmender Bewegung, nie aber veränderte sich der reine Dreiklang von Es-Dur, welcher durch seine Andauer dem Elemente, darin ich versank, eine unendliche Bedeutung geben zu wollen schien. Mit der Empfindung, als ob die Wogen jetzt hoch über mich dahinbrausten, erwachte ich in jähem Schreck aus meinem Halbschlaf. Sogleich erkannte ich, dass das Orchester-Vorspiel zum „Rheingold“, wie ich es in mir herumtrug, doch aber nicht genau hatte finden können, mir aufgegangen war; und schnell begriff ich auch, welche Bewandtnis es durchaus mit mir habe: nicht von außen, sondern nur von innen sollte der Lebensstrom mir zufließen.
Mit dieser entscheidenden Einsicht ebneten sich plötzlich die bislang diffusen Wege zum „Rheingold“, auch bestätigt durch eine zweite Erfahrung, die hier mitgeteilt wird:
Sogleich beschloss ich nach Zürich zurückzukehren, und die Komposition meines großen Gedichtes zu beginnen. Ich telegraphierte an meine Frau, um ihr dies anzuzeigen, und mein Arbeitszimmer bereithalten zu lassen. Noch am gleichen Abende stieg ich in die Diligence, welche die Riviera di Levante hinab, nach Genua führte. Noch hatte ich auf dieser, den ganzen andren Tag fortgesetzten Reise Veranlassung, schöne Eindrücke von dem Lande zu gewinnen; namentlich war es die Farbe aller sich darbietenden Phänomene, welche mich entzückend anregte: das rote Steingebirge, die Bläue des Himmels und des Meeres, das lichthelle Grün der Pinien, selbst die blendende Weiße eines Zuges von Stieren, wirkten so drastisch auf mich, dass ich mit Seufzen mir sagte, wie traurig es doch sei, dass ich dies alles nicht zur Veredelung meiner sinnlichen Natur genießen können sollte. In Genua fühlte ich mich wieder so angenehm angeregt, dass ich plötzlich glaubte zuvor nur einer törigen Schwäche nachgegeben zu haben, mein ursprüngliches Vorhaben auszuführen beschloss, und bereits wegen einer Reise-Gelegenheit der mir so sehr gerühmten Riviera di Ponente entlang nach Nizza in Unterhandlung trat. Kaum hatte ich diese ursprünglichen Vorsätze wieder aufgenommen, als ich aber auch inne ward, dass, was mich zuletzt erfrischt und heilsam belebt hatte, nicht die Wiederkehr meiner Freude an Italien, sondern der Entschluss zur Aufnahme meiner Arbeit gewesen war. Denn sobald ich diesen zu ändern Willen zeigte, trat auch sofort der alte Zustand in allen Symptomen der Dysenterie wieder ein. Nun verstand ich mich, sagte die Reise nach Nizza ab, und kehrte unaufhaltsam auf dem nächsten Wege über Alessandria und Novara, den jetzt ganz gleichgültig vor mir liegen gelassenen Borromäischen Inseln vorbei, über den Gotthard nach Zürich zurück.
Um die Ruhe zu gewinnen, die ihm für den Schaffensprozess äußerst wichtig war, war noch etwas Geduld notwendig. Denn der Oktober brachte ein nochmaliges Wiedersehen mit Liszt, der mit seinen Schülern vom Karlsruher Musikfest den Meister besuchen kam, um ihm zu „huldigen“. Gemeinsam besuchten Sie mit weiteren Freunden anschließend noch Paris.
Schließlich, am 1. November, war es soweit! Er begann mit der Komposition des „Rheingold“. Glasenapp, sein Freund und Biograph erzählt:
Er hatte in seinem Zimmer mehrere Arbeitsstätten nebeneinander aufgeschlagen: einen Schreibetisch, an dem er dichtete und schrieb, und ein Stehpult, woran er komponierte. Inmitten des Raumes stand eine Chaiselongue, worauf er zu ruhen pflegte. „Des Vormittags setze ich mich in diesem Luxus hin und arbeite: – das ist nun das Notwendigste, und ein Vormittag ohne Arbeit ist mir ein Tag in der Hölle.“ In diesen Vormittagsstunden durfte ihn begreiflicher Weise niemand stören; es war schon viel, wenn er überhaupt jemand empfing. Während des Komponierens ging er oft im Zimmer auf und ab, trat zuweilen an den Flügel im Nebenzimmer, um einzelne Akkorde anzuschlagen oder einzelne Phrasen zu spielen; dann schrieb er am Stehpult das Gefundene nieder. … Über den Vormittag hinaus pflegte er nicht zu arbeiten und dehnte ihn deshalb gern über die festgesetzte Tischstunde aus … „Beim Komponieren übernehme ich mich gewöhnlich, reize auch meine Frau durch das Zuspätzutischfertigwerden zu gerechter Entrüstung, so dass ich immer mit der lieblichsten Laune von der Welt in die zweite Hälfte des Tages trete, mit dem ich nun gar nicht weiß, was anfangen.
Inzwischen hatte Wagner die zweite Szene abgeschlossen. Er meldet am 17. Dez. 1853:
Ich spinne mich ein wie ein Seidenwurm; aber auch aus mir heraus spinne ich. Fünf Jahre habe ich keine Musik geschrieben. Jetzt bin ich im „Nibelheim“: heute klagte Mime seine Not.
Am 14. Januar 1854 war die Kompositionsskizze des „Rheingold“ vollendet.
An Liszt schreibt er am 7. Februar 1854:
Jetzt führe ich das „Rheingold“ sogleich in Partitur aus, mit der Instrumentation: ich konnte keine Weise finden, das Vorspiel (Die Rheins-Tiefe) als Skizze deutlich aufzuschreiben; so verfiel ich sogleich auf die volle Partitur. Nun werde ich soviel langsamer fertig: auch ist mir der Kopf etwas wüst.
Und seinem Freund Wilhelm Fischer, dem Chorleiter in Dresden teilt er am 15. Februar seinen schon fest umrissenen Plan mit dem „Ring“ mit:
Jetzt mache ich schon die Partitur von dem (erst im November begonnenen) Rheingold. Im Sommer geht es an die Walküre; im Frühjahr 1855 kommt der junge Siegfried dran und im Winter drauf denke ich Siegfrieds Tod vorzunehmen, so dass Ostern 1856 Alles fertig ist. Dann geht es ans Unmögliche: mir mein eigenes Theater zu schaffen, mit dem ich vor ganz Europa mein Werk als großes dramatisches Musikfest aufführe. Dann gebe Gott, dass ich meinen letzten Seufzer von mir stoße! –
Das Schreiben der Partitur hält Wagner aber nicht lange durch. Im nächsten Brief, dem 4. März 1854, schreibt er an Liszt:
Ich arbeite angestrengt. Kannst Du mir nicht einen Menschen nachweisen, der geeignet wäre aus meinen wilden Bleistiftskizzen eine saubere Partitur zusammenzuschreiben? Ich arbeite diesmal ganz anders als früher. Aber die Reinschrift bringt mich um. Ich verliere damit eine Zeit, die ich kostbarer anwenden könnte; und außerdem greift mich das viele Schreiben so stark an, dass es mich krank macht und mir die Laune zum eigentlichen Arbeiten wegnimmt. Ohne einen solchen geschickten Menschen bin ich verloren: mit ihm wäre ich in zwei Jahren mit allem fertig. So lange müsste ich den Mann haben: wenn im Partiturschreiben eine Pause eintrete, könnte er während dem immer Stimmen ausschreiben. Sieh Dich doch um! Hier ist niemand. – Allerdings klingt es etwas fabelhaft, dass ich mir einen – Sekretär halten will, – der ich mich selbst kaum halten kann!
Im Zeitraum Februar/März gibt er „nebenher“ noch acht Konzerte, was jeweils mehrere Proben beinhaltet und seine Dirigenten-Tätigkeit.
Am 9. April schreibt er an Liszt:
Die Instrumentation des Rheingoldes geht vorwärts: – jetzt bin ich mit dem Orchester nach Nibelheim hinabgestiegen. Im Mai ist das Ganze fertig – nur keine Reinschrift: alles mit Bleistift unleserlich auf einzelne Blätter; Du wirst’s so bald noch nicht zu sehen bekommen können. Im Juni muss es an die „Walküre“ gehen.
und an Hans v. Bülow am 12. April 1854:
Jetzt bin ich mit der Instrumentation des Rheingoldes bis zur Hälfte fertig: aber nur mit Bleistift, noch muss dann eine Reinschrift gemacht werden. Dies – die Reinschrift – werde ich Dir dann heftweise zuschicken, damit Du mir schnell einen Klavierauszug machst: vorläufig nur, um das Zeug bequem Jemand vorspielen und singen zu können.
Mittlerweile (an Liszt, am 2. Mai) hat Wagner dann auch eingesehen, dass:
Die Reinschrift meiner Partituren werde ich mir am Ende doch selbst machen müssen: es ist gar zu schwer, sie nach meinem Sinn zu fertigen, zumal die Skizzen doch oft heillos konfus sind, so dass doch wohl nur ich daraus klug werde. Es dauert nur länger! –
Am 27. Mai schließt Wagner die „Bleistift“-Partitur des Rheingoldes ab!
Seinem treuergebenen Freund Hans v. Bülow teilt er am 30. Mai mit:
Von der Partitur des Rheingoldes kann ich Dir sobald noch nichts schicken; denn die Reinschrift, die ich leider selbst machen muss, möchte ich mir jetzt noch etwas vom Halse halten: mehr drängt es mich, an die Komposition der Walküre zu gehen.
Inzwischen hatte sich auch die Sache mit dem angeforderten Helfer zum Partitur-Schreiben nach einer kuriosen Seite hin aufgelöst. Am 14. Juni 1854 teilt Wagner Liszt mit:
Suche mir keinen Schreiber: Mad. Wesendonck hat mir eine goldene Feder – von unverwüstlicher Schreibekraft – geschenkt, die macht mich nun wieder zum kalligraphischen Pedanten: die Partituren werden mein vollendetstes Meisterstück in Schönschreiberei werden! Man kann seinem Schicksale nicht entgehen!
Meyerbeer bewunderte seinerzeit nichts mehr an meinen Partituren, als die saubere Schrift; dieser Akt der Bewunderung ist mir nun zum Fluch geworden: – ich muss saubere Partituren schreiben, solange ich lebe auf Erden! –
… und betreffs des Rheingoldes fügt er hinzu:
Du bekommst das Rheingold aber nicht zu Gesicht, ehe es in der beabsichtigten würdigen Gestalt ist: das wird nun aber erst in müßigen Stunden und langen Winterabenden gefördert werden, denn jetzt kann ich mich nicht damit aufhalten, – jetzt muss es an die Komposition der Walküre gehen, die mir ganz herrlich in den Gliedern liegt. –
Parallel schrieb Wagner weiter an der Reinschrift des „Rheingold“. Im September 1854 ist diese vollendet.