Der Ring des Nibelungen
Entstehung
Der Ring des Nibelungen
Der Schaffensprozess des Gesamt-Zyklus ist hier in chronologischer Abfolge dargestellt. Die lineare Entstehungsgeschichte der einzelnen Werke ist mit weiteren Details im jeweiligen Untermenü zu finden.
Vorgeschichte
Richard Wagner hatte sich – nachdem der „Lohengrin“ fertiggestellt war – vorgenommen, ein episches Werk ähnlich dem „Rienzi“ zu schaffen. Hauptfigur sollte diesmal der Kaiser Barbarossa sein. Fünf Akte waren schon vorskizziert als er erkannte, dass ein historischer Stoff niemals die Tiefe fassen konnte, die er zum Ausdruck bringen wollte. Ein Mythos als Ausgangspunkt verfügte dagegen über wesentlich tiefere Schichten und so verfiel er auf die bekannteste und umfassendste Sage im nordeuropäischen Raum – den Nibelungen-Mythos.
Im Sommer 1848 verfasste er in diesem Zusammenhang einen recht umfangreichen Aufsatz mit dem Titel: „Die Wibelungen“. Im Oktober desselben Jahres folgte ein Prosaentwurf: „Der Nibelungen-Mythus“.
Vom 12. – 18.11.1848 dichtete er schließlich den Text zu seiner zukünftigen „großen Heldenoper“ und betitelte ihn mit „Siegfrieds Tod“.
Es folgten die revolutionären Wirren, die Wagner schließlich im Mai 1849 zur Flucht in die Schweiz zwangen, da er wegen Beteiligung am Umsturz der bestehenden Zustände steckbrieflich gesucht wurde. In seinem „Siegfried“ spiegelte sich diese Grundströmung wieder. Dieser Held brach mit allem Bestehenden, ließ die alte Welt kompromisslos untergehen, um eine neue zu gewinnen.
In dieser Zeit des Neuanfanges blieb natürlich für eine weitere Arbeit an seinem Werk wenig Raum. Erst ein gutes Jahr später hatte er sich ein wenig Abstand von den ärgsten Nöten verschafft, so dass er am 12. August 1850 mit der Vertonung von „Siegfrieds Tod“ beginnen konnte. Bald erkannte er jedoch, dass er sich selbst und seinem potentiellen Publikum noch Klarheit verschaffen muss. Er schrieb dazu einige recht umfangreiche Abhandlungen, wie z. B. „Oper und Drama“, in denen er versuchte, ein fundamentales Verständnis für sein „Kunstwerk der Zukunft“ zu erwecken.
Die momentanen Kunstzustände ließen ihn jedoch bald erkennen, dass für solch ein Werk wie den „Ring“ wenig Verständnis vorhanden war und so legte er es notgedrungen wieder beiseite. Erst sein Freund Franz Liszt verschaffte ihm dann wieder Hoffnung. Er hatte mit dem Hof in Weimar, wo er dem dortigen Opernhause vorstand, eine Vereinbarung ausgehandelt, die Wagners neues Werk betraf. Letzterer sollte „Siegfrieds Tod“ bis zum 1. 7. 1852 fertigstellen und anschließend sollte es dort sofort aufgeführt werden. Als Vorschuss wurde Wagner, um ihm ein sorgenfreies Arbeiten zu ermöglichen, die Summe von 500 Talern angeboten.
Wagner zögerte jedoch mit dem Beginn, da ihm nämlich mittlerweile klar geworden war, dass dieser Nibelungen-Stoff unmöglich in der bisherigen Ausführung verständlich war. Zu viel war noch erklärungsbedürftig, tiefere Zusammenhänge mussten noch dargelegt werden, um wirklich in seinem Sinne verstanden zu werden. An Theodor Uhlig schreibt er am 10. Mai 1851:
Aus Weimar sind mir nun auch Anerbietungen für eine neue Oper gekommen: ich soll sie bis 1. Juli 1852 abliefern, und bis dahin und zu dieser Zeit im Ganzen 500 Taler ausgezahlt bekommen, – Nun bin ich mit dem, was ich vornehmen soll, zu neuen Resultaten gekommen. Wenn ich „Siegfrieds Tod“ mit dem ernstlichen Zwecke einer nächstjährigen Aufführung in Weimar in das Auge fasste, musste mir die Sache allerdings vollkommen unmöglich erscheinen. Wo Darsteller und Publikum dafür hernehmen? – Da hat mich nun aber den ganzen Winter schon eine Idee geplagt, die mich kürzlich endlich als Eingebung so vollständig unterjocht hat, dass ich sie jetzt realisieren werde. Habe ich Dir nicht früher schon einmal von einem heitren Stoffe geschrieben? Es war dies der Bursche der auszieht „um das Fürchten zu lernen“ und so dumm ist, es nie lernen zu wollen. Denke Dir meinen Schreck, als ich plötzlich erkenne, dass dieser Bursche niemand anders ist, als – der junge Siegfried, der den Hort gewinnt und Brünnhilde erweckt! – Die Sache ist nun fertig. Im nächsten Monat mache ich die Dichtung des „jungen Siegfried“, zu der ich mich jetzt sammle. Im Juli geht es an die Komposition, – und so unverschämtes Vertrauen habe ich zu der Wärme des Stoffes und meiner Ausdauer, dass ich im nächsten Jahre ganz ungeschwächt an der Komposition des „Siegfrieds Tod“ anzulangen gedenke. – Der „junge Siegfried“ hat den ungeheuren Vorteil, dass er den wichtigen Mythos dem Publikum im Spiel, wie einem Kinde ein Märchen, beibringt. Alles prägt sich durch scharfe sinnliche Eindrücke plastisch ein, alles wird verstanden, – und kommt dann der ernste „Siegfrieds Tod“, so weiß das Publikum Alles, was dort vorausgesetzt oder eben nur angedeutet werden musste – und – mein Spiel ist gewonnen, – um so mehr, als sich an meinem, bei weitem populäreren, dem Bewusstsein durchaus näher liegenden, minder heroischem als heiteren, jugendlich menschlichen „jungen Siegfried“ praktisch die Darsteller üben und vorbereiten, die gewaltigere Aufgabe von „Siegfrieds Tod“ zu lösen.
Deshalb schlug er Liszt vor, dem ernsten „Siegfried-Drama“ ein weiteres vorzuschalten mit dem Titel: „Der junge Siegfried“.
Er schreibt Liszt am 22. Mai 1851:
Noch hat mir der Himmel kein schönes Wetter beschert, und deshalb warte ich auf den ersten schönen, sonnigen Tag, um an der Dichtung meines „jungen Siegfried“ auch mit der Feder zu beginnen, wie er in meinem Kopfe bereits fertig ist. – Im Juli denke ich Euch das Gedicht schicken zu können.
Liszt war begeistert … und so schrieb Wagner in unglaublichen drei Wochen den Text dazu. Er vollendete ihn am 24. Juni 1851.
Doch selbst jetzt hatte er Bedenken, dass die Arbeit in diesem Umfange das Problem der Verständlichkeit gelöst hätte. Es war ihm zur Gewissheit geworden, dass er den gesamten Nibelungen-Mythus dramatisch gestalten müsse. Diese Einsicht beschreibt er ausführlich in einem Brief an Theodor Uhlig vom 12. November 1851:
Über die beabsichtigt Vollendung der großen Dramendichtung, die ich nun vorhabe, kann ich Dir jetzt nur wenig mitteilen. Bedenke, dass – ehe ich den „Siegfried Tod“ dichtete – ich den ganzen Mythos in seinem großartigen Zusammenhange entwarf, jene Dichtung war nun der – unsrem Theater gegenüber von mir als zu ermöglichen gedachte – Versuch, eine Hauptkatastrophe des Mythos mit der Andeutung jenes Zusammenhanges zu geben. Als ich nun an die volle musikalische Ausführung ging, und ich dabei endlich fest unser Theater ins Auge fassen musste, fühlte ich das unvollständige der beabsichtigten Erscheinung: es blieb eben der große Zusammenhang, der den Gestalten erst ihre ungeheure, schlagende Bedeutung gibt, nur durch epische Erzählung, durch Mitteilung an den Gedanken übrig. Um daher „Siegfrieds Tod“ zu ermöglichen, verfasste ich den „jungen Siegfried“; je bedeutender aber dadurch das Ganze sich schon gestaltete, desto mehr musste mir jetzt, als ich an die szenisch-musikalische Ausführung des „jungen Siegfried“ ging, einleuchten, dass ich das Bedürfnis nach deutlicher Darstellung des ganzen Zusammenhanges an die Sinne nur noch gesteigert hatte. Jetzt sehe ich, ich muss, um vollkommen von der Bühne herab verstanden zu werden, den ganzen Mythos plastisch ausführen.
Aber neben der Verdeutlichung des Stoffes reizte Wagner auch der sich dadurch offenbarende Gestaltungs-Reichtum:
Nicht diese Rücksicht allein bewog mich aber zu meinem neuen Plane, sondern namentlich auch das hinreißend Ergreifende des Stoffes, den ich somit für die Darstellung gewinne, und der mir einen Reichtum für künstlerische Bildung zuführt, den es Sünde wäre, ungenützt zu lassen. Denke Dir den Inhalt der Erzählung der Brünnhilde – in der letzten Szene des „jungen Siegfried“ – das Schicksal Siegmunds und Sieglindes, der Kampf Wodans mit seiner Neigung und der Sitte (Fricka); der herrliche Trotz der Walküre, der tragische Zorn Wodans mit dem er diesen Trotz straft: denke Dir dies in meinem Sinne, mit dem ungeheuren Reichtum von Momenten, in ein bündiges Drama zusammengefasst, so ist eine Tragödie von der erschütterndsten Wirkung geschaffen, die zugleich alles das zu einem bestimmten sinnlichen Eindrucke vorführt, was mein Publikum in sich aufgenommen haben muss, um den „jungen Siegfried“ und den „Tod“ – nach ihrer weitesten Bedeutung – leicht zu verstehen.
Doch damit wurde gleichzeitig klar, dass das Werk in dieser Form unmöglich für die kleine Bühne in Weimar geeignet war. Er setzte Liszt in einem ausführlichen Schreiben seine neuen Einsichten auseinander und bat ihn um Lösung des Vertrages. Dieser hatte großes Verständnis dafür, da er erkannte, dass diese, jetzt äußerst umfangreiche Arbeit, Wagners würdig sei. Er schrieb in seiner Antwort vom 1. Dezember 1851:
Dein Brief, mein herrlichster Freund, hat mich hoch erfreut. Du bist auf Deinem außerordentlichen Wege zu einem außerordentlich großen Ziel gelangt. Die Aufgabe, das Nibelungen-Epos zu einer dramatischen Trilogie zu formen und zu komponieren, ist Deiner würdig, und ich hege nicht den mindesten Zweifel über das monumentale Gelingen Deines Werkes. Meine aufrichtigste Teilnahme, meine innigste Sympathie sind Dir so gesichert, dass es nicht weitere Worte bedarf.
Prosaentwurf und Dichtung von Rheingold und Walküre
Richard Wagner fügt so den beiden vorhandenen Stücken noch zwei weitere hinzu. Vom 23. – 31. März schreibt er den Großen Prosaentwurf des „Rheingold“, da noch als „Der Raub des Rheingoldes“ benannt. Nachdem im April und Anfang Mai in Zürich 4 mal „Der Fliegende Holländer“ von ihm mit großem Erfolg aufgeführt wurde, schrieb er vom 17. – 26. Mai 1852 den Großen Prosaentwurf zur „Walküre“.
Am 1. Juli 1852 ist die Dichtung „Die Walküre“ vollendet und im November die Verse zu „Der Raub des Rheingoldes“, das er später in „Rheingold“ umbenannte. Zu Weihnachten 1852 ist die Dichtung des gesamten Zyklus fertiggestellt.
Das Rheingold
Bevor Wagner mit der Komposition beginnen konnte, stand erst noch ein Umzug in eine größere Wohnung in Zürich an, wo er seit seiner Flucht aus Deutschland lebte.
Im Mai 1853 veranstaltete er ein großes Musikfest mit Ausschnitten aus seinen drei Opern „Der fliegende Holländer“, „Tannhäuser“ und „Lohengrin“. Von „Lohengrin“ hatte er bisher noch keine Klänge durch ein Orchester gehört und jetzt wollte er endlich einmal das Vorspiel vernehmen. Es wurde ein grandioser Erfolg!
Im Juli kam Liszt zu einem längeren Besuch nach Zürich, was Wagner immer alle Unannehmlichkeiten in der Welt vergessen ließ. Mit seiner Abreise begab er sich mit dem Dichter Herwegh zu einer Kur nach St. Moritz bis Mitte August. Zehn Tage nach seiner Rückkehr trat er endlich seine lang ersehnte Italienreise an, damit sich die nötige Stimmung für seine Komposition einstelle. Drei Wochen später kehrte er müde und zerschlagen nach Zürich zurück. Im Gepäck hatte er jedoch die Einleitungs-Musik zum „Rheingold“, die ihm sein Genius auf dem Krankenlager in Italien eingegeben hatte. Der Oktober brachte ein nochmaliges Wiedersehen mit Liszt, der mit seinen Schülern vom Karlsruher Musikfest den Meister besuchen kam, um ihm zu „huldigen“.
Schließlich, am 1. November, war es soweit! Er begann mit der Komposition des „Rheingold“. Glasenapp, sein Freund und Biograph erzählt:
Er hatte in seinem Zimmer mehrere Arbeitsstätten nebeneinander aufgeschlagen: einen Schreibetisch, an dem er dichtete und schrieb, und ein Stehpult, woran er komponierte. Inmitten des Raumes stand eine Chaiselongue, worauf er zu ruhen pflegte. „Des Vormittags setze ich mich in diesem Luxus hin und arbeite: – das ist nun das Notwendigste, und ein Vormittag ohne Arbeit ist mir ein Tag in der Hölle.“ In diesen Vormittagsstunden durfte ihn begreiflicher Weise niemand stören; es war schon viel, wenn er überhaupt jemand empfing. Während des Komponierens ging er oft im Zimmer auf und ab, trat zuweilen an den Flügel im Nebenzimmer, um einzelne Akkorde anzuschlagen oder einzelne Phrasen zu spielen; dann schrieb er am Stehpult das Gefundene nieder. … Über den Vormittag hinaus pflegte er nicht zu arbeiten und dehnte ihn deshalb gern über die festgesetzte Tischstunde aus … „Beim Komponieren übernehme ich mich gewöhnlich, reize auch meine Frau durch das Zuspätzutischfertigwerden zu gerechter Entrüstung, so dass ich immer mit der lieblichsten Laune von der Welt in die zweite Hälfte des Tages trete, mit dem ich nun gar nicht weiß, was anfangen.
Inzwischen hatte Wagner die zweite Szene abgeschlossen. Er meldet am 17. Dez. 1853:
Ich spinne mich ein wie ein Seidenwurm; aber auch aus mir heraus spinne ich. Fünf Jahre habe ich keine Musik geschrieben. Jetzt bin ich im „Nibelheim“: heute klagte Mime seine Not.
Am 14. Januar 1854 war die Kompositionsskizze des „Rheingold“ vollendet.
An Liszt schreibt er am 7. Februar 1854:
Jetzt führe ich das „Rheingold“ sogleich in Partitur aus, mit der Instrumentation: ich konnte keine Weise finden, das Vorspiel (Die Rheins-Tiefe) als Skizze deutlich aufzuschreiben; so verfiel ich sogleich auf die volle Partitur. Nun werde ich soviel langsamer fertig: auch ist mir der Kopf etwas wüst.
Und seinem Freund Wilhelm Fischer, dem Chorleiter in Dresden teilt er am 15. Februar seinen schon fest umrissenen Plan mit dem „Ring“ mit:
Jetzt mache ich schon die Partitur von dem (erst im November begonnenen) Rheingold. Im Sommer geht es an die Walküre; im Frühjahr 1855 kommt der junge Siegfried dran und im Winter drauf denke ich Siegfrieds Tod vorzunehmen, so dass Ostern 1856 Alles fertig ist. Dann geht es ans Unmögliche: mir mein eigenes Theater zu schaffen, mit dem ich vor ganz Europa mein Werk als großes dramatisches Musikfest aufführe. Dann gebe Gott, dass ich meinen letzten Seufzer von mir stoße! –
Das Schreiben der Partitur hält Wagner aber nicht lange durch. Im nächsten Brief, dem 4. März 1854, schreibt er an Liszt:
Ich arbeite angestrengt. Kannst Du mir nicht einen Menschen nachweisen, der geeignet wäre aus meinen wilden Bleistiftskizzen eine saubere Partitur zusammenzuschreiben? Ich arbeite diesmal ganz anders als früher. Aber die Reinschrift bringt mich um. Ich verliere damit eine Zeit, die ich kostbarer anwenden könnte; und außerdem greift mich das viele Schreiben so stark an, dass es mich krank macht und mir die Laune zum eigentlichen Arbeiten wegnimmt. Ohne einen solchen geschickten Menschen bin ich verloren: mit ihm wäre ich in zwei Jahren mit allem fertig. So lange müsste ich den Mann haben: wenn im Partiturschreiben eine Pause eintrete, könnte er während dem immer Stimmen ausschreiben. Sieh Dich doch um! Hier ist niemand. – Allerdings klingt es etwas fabelhaft, dass ich mir einen – Sekretär halten will, – der ich mich selbst kaum halten kann!
Im Zeitraum Februar/März gibt er „nebenher“ noch acht Konzerte, was jeweils mehrere Proben beinhaltet und seine Dirigenten-Tätigkeit.
Am 9. April schreibt er an Liszt:
Die Instrumentation des Rheingoldes geht vorwärts: – jetzt bin ich mit dem Orchester nach Nibelheim hinabgestiegen. Im Mai ist das Ganze fertig – nur keine Reinschrift: alles mit Bleistift unleserlich auf einzelne Blätter; Du wirst’s so bald noch nicht zu sehen bekommen können. Im Juni muss es an die „Walküre“ gehen.
und an Hans v. Bülow am 12. April 1854:
Jetzt bin ich mit der Instrumentation des Rheingoldes bis zur Hälfte fertig: aber nur mit Bleistift, noch muss dann eine Reinschrift gemacht werden. Dies – die Reinschrift – werde ich Dir dann heftweise zuschicken, damit Du mir schnell einen Klavierauszug machst: vorläufig nur, um das Zeug bequem Jemand vorspielen und singen zu können.
Mittlerweile (an Liszt, am 2. Mai) hat Wagner dann auch eingesehen, dass:
Die Reinschrift meiner Partituren werde ich mir am Ende doch selbst machen müssen: es ist gar zu schwer, sie nach meinem Sinn zu fertigen, zumal die Skizzen doch oft heillos konfus sind, so dass doch wohl nur ich daraus klug werde. Es dauert nur länger! –
Am 27. Mai schließt Wagner die „Bleistift“-Partitur des Rheingoldes ab!
Seinem treuergebenen Freund Hans v. Bülow teilt er am 30. Mai mit:
Von der Partitur des Rheingoldes kann ich Dir sobald noch nichts schicken; denn die Reinschrift, die ich leider selbst machen muss, möchte ich mir jetzt noch etwas vom Halse halten: mehr drängt es mich, an die Komposition der Walküre zu gehen.
Inzwischen hatte sich auch die Sache mit dem angeforderten Helfer zum Partitur-Schreiben nach einer kuriosen Seite hin aufgelöst. Am 14. Juni 1854 teilt Wagner Liszt mit:
Suche mir keinen Schreiber: Mad. Wesendonck hat mir eine goldene Feder – von unverwüstlicher Schreibekraft – geschenkt, die macht mich nun wieder zum kalligraphischen Pedanten: die Partituren werden mein vollendetstes Meisterstück in Schönschreiberei werden! Man kann seinem Schicksale nicht entgehen!
Meyerbeer bewunderte seinerzeit nichts mehr an meinen Partituren, als die saubere Schrift; dieser Akt der Bewunderung ist mir nun zum Fluch geworden: – ich muss saubere Partituren schreiben, solange ich lebe auf Erden! –
… und betreffs des Rheingoldes fügt er hinzu:
Du bekommst das Rheingold aber nicht zu Gesicht, ehe es in der beabsichtigten würdigen Gestalt ist: das wird nun aber erst in müßigen Stunden und langen Winterabenden gefördert werden, denn jetzt kann ich mich nicht damit aufhalten, – jetzt muss es an die Komposition der Walküre gehen, die mir ganz herrlich in den Gliedern liegt. –
Die Walküre
Wagner begann also am 28. Juni 1854 mit der Komposition der „Walküre“. Beim „Rheingold“ musste nur noch die Reinschrift der Partitur erstellt werden, was er erst einmal aufschob.
Bei dieser Abweichung vom eigentlichen Arbeitsablauf mag auch die zu dieser Zeit sich zuspitzende finanzielle Situation eine Rolle gespielt haben. Alle Geldquellen waren versiegt, Einnahmen fielen aus, Wechsel wurden fällig und sämtliche Freunde waren „leergepumpt“. Um sich aus dieser Situation zu „befreien“, stürzte er sich kopfüber in das Abenteuer „Walküre“.
Schon im Juni 1852 schrieb er bezüglich der Komposition der Walküre an Liszt:
Die Musik wird mir sehr leicht und schnell von statten gehen: denn sie ist nur Ausführung des bereits Fertigen.
Am 6. Juli 1854 musste er aber die Arbeit aber schon wieder unterbrechen, bis dahin war er an den Beginn der II. Szene gelangt. Er hatte sich entschlossen – gegen seine innere Stimme –, an einem Musikfest in Sitten teilzunehmen und wollte dort die 7. Symphonie von Beethoven dirigieren. Er brauchte in seiner Lage dringend das Antrittsgeld. Dort angekommen, stellte sich jedoch heraus, dass die ganze Aufmachung und Ausstattung eher einer Dorfkirmes ähnelte. Kurzerhand reiste er noch vor Beginn am 10. Juli abends wieder ab, machte noch Station bei Karl Ritter und holte dann Minna von der Kur am Vierwaldstädter See ab. Von dort schreibt er am 22. Juli 1854 an Liszt:
Geht alles gut, so fahre ich vom 1. August ab wieder in der Komposition der Walküre fort; – die Arbeit – diese Arbeit – ist das Einzige was mich das Leben ertragen lässt. Mit der Reinschrift des Rheingoldes fahre ich nebenbei fort; zum Spätherbst sollst Du – denke ich – die Partitur in Händen haben.
An Bülow schreibt er am 13. September 1854:
Mit dem ersten Akt der Walküre bin ich fertig: wenn ich an den zweiten kommen werde, weiß Gott. – ich hab‘ jetzt sehr böse Laune!
Seine katastrophale finanzielle Situation, u. a. hervorgerufen durch die sehr kostspielige Einrichtung seiner neuen Wohnung im 2. OG, Zeltweg 13, begann sich jetzt auf seinen Schaffensdrang auszuwirken. Am 16. September muss er Franz Liszt mitteilen, dass jegliche musikalische Arbeit vorerst beiseite gelegt ist. Er bestimmte seinen Freund Jakob Sulzer zu seinem Vormund und legte ihm seine Situation ausführlich offen.
Seine Frau Minna – sie lebt in Dresden getrennt von Wagner – weiß von alledem nichts. Wagner fürchtet um ihre Gesundheit, wenn er sie einweihen würde. Über seine Arbeit schreibt er ihr selten, da sie wenig Verständnis dafür aufbringen kann. Am 23. September 1854 erfährt sie lediglich:
Ich übernehme mich leider zu sehr mit dem Arbeiten, da ich die Reinschrift von der Partitur nun doch einmal fertig haben will, um das Eine ganz los zu sein. So schreibe ich auch stets nach Tische ein paar Stunden, und Abends, wenn ich nach Hause komme, wieder.
Am 26. September 1854 wurde die „Rheingold“-Partitur als „vollendetstes Meisterstück in Schönschreiberei“ schließlich abgeschlossen.
Anschließend nahm er die Arbeit am 2. Akt der Walküre wieder auf. Minna teilt er am 30. September mit:
… als ich gestern Deinen etwas misstrauischen Brief bekam, hatte ich gerade das Auftreten der Fricka zu komponieren, das stimmte gar nicht übel zusammen. –
Die weitere Arbeit gestaltete sich sehr zäh. Der Herbst 1854 war gekennzeichnet von Einsamkeit. Die klare Sicht auf den Unverstand der Welt für sein innerstes Streben ließen Wagner immer deprimierter werden.
In diesem Zustand brachte ihm sein Freund Herwegh ein Buch von Arthur Schopenhauer: „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Seit 40 Jahren war dieser Schriftsteller und Philosoph in der Versenkung verschwunden und ein Engländer hob ihn wieder ans Licht. In den dargelegten Gedanken Schopenhauers erkannte sich Wagner vollumfänglich wieder und brachte das in der Person des Wotan auch zum Ausdruck.
Im November 1854 schreibt er an die Freundin von Liszt, Carolyne von Sayn-Wittgenstein:
An der „Walküre“ habe ich zwar immer etwas gearbeitet: doch geht es viel langsamer, als ich anfangs dachte. … Jetzt bin ich im zweiten Akte bei der Szene, wo Brünnhilde zu Siegmund tritt, um ihm den Tod zu verkündigen; so etwas kann man doch kaum mehr komponieren nennen! – Wenn ich nur erst bis zum „jungen Siegfried“ bin; der wird dann wohl schon schneller gehen. –
Liszt teilt er am 16.(?) Dezember mit:
Dem schönsten meiner Lebensträume, dem jungen Siegfried, zu lieb, muss ich wohl schon noch die Nibelungenstücke fertig machen: die Walküre hat mich zu sehr angegriffen, als dass ich mir diese Erheiterung nicht noch gönnen soll; ich bin damit in der zweiten Hälfte des letzten Aktes. Mit dem Ganzen werde ich doch erst 1856 fertig – 1858, im zehnten Jahr meiner Hegira kann ich’s dann aufführen – wenn’s sein soll.
Den ersten Hinweis auf die Fertigstellung der Kompositionsskizze erhält am 28. Dezember ebenfalls Liszt:
Brünnhilde schläft! – Ich – wache leider noch! –
Wagner verweist damit auf die Schlusstakte der „Walküre“.
Zum Ende des Jahres 1854 erhält Wagner eine Anfrage der Philharmonischen Gesellschaft in London, ob er bereit wäre, die diesjährigen Konzerte zu leiten. Sein finanzielles Desaster und die Möglichkeit, sich endlich seinen „Lohengrin“ aufführen zu können, lassen ihn zusagen. In der Zeit vom 12. März bis zum 25. Juni 1855 sind acht Konzerte zu dirigieren.
Eine schöne Wohnung ist schnell gefunden, 2 Pfund die Woche, doch … :
Noch hatte er sich in seiner Wohnung nicht so weit heimisch gemacht, dass er an eine Wiederaufnahme seiner großen Arbeit denken konnte. Durch Liszt’s, schon von Zürich aus zu diesem Zwecke angerufene Vermittlung erhielt er zwar von der Londoner Vertretung der berühmten Pariser Firma Erard einen schönen Flügel ins Haus geliefert; aber erst vierzehn Tage nach seiner Ankunft, auf welche Verspätung sich sein inzwischen noch von London aus wiederholter Notschrei bezieht. „Ein Stehpult zum Schreiben musste ich mir von einem Zimmermann besonders anfertigen lassen: nirgend war ein solches sonst zu bekommen“. So war er, 2-3 Wochen nach seiner Ankunft, endlich zum Arbeiten eingerichtet, konnte aber auch dann nur erst noch spärlich beginnen. „Die Unterbrechung war zu groß und heftig, im Anfang war mir meine Komposition wildfremd geworden“.
… ist bei Glasenapp zu lesen.
In einem Brief an H. v. Bülow vom 3. März 1855 findet er ungeschminkte Worte zu den Erwartungen bei seinem Londoner Gastspiel:
Die Londoner Journale fallen wie tolle Hunde auf die Direktoren los, dass sie mich wählen konnten: Alles ist in Wut, so dass ich nun völlig eine Freude darüber empfinde, diese Konzerte recht tüchtig herzurichten, und den Leuten ihren Haydn, Mozart und Beethoven einmal ordentlich zu zeigen. … ich habe mir ¾ Walküre zum instrumentieren mitgenommen und hoffe von der Londoner Langeweile die nötige Muße zur Beendigung dieser Arbeit. Allem Musikgesindel bleibt meine Türe geschlossen und ich beschränke mich strikt auf die Direktion meiner acht Konzerte.
Jedoch lediglich in den Osterferien, zwischen dem 2. und 3. Konzert, konnte er aufgrund der längeren Pause etwas anhaltender arbeiten. So wird am 3. April 1855 wenigstens die Instrumentation des ersten Aufzuges beendet.
Glasenapp schreibt dazu:
„Lasst mich meine Nibelungen vollenden!“ ruft er tags darauf in einem Briefe an Liszt, „das ist alles, was ich verlange. Vermag das meine edle Zeitgenossenschaft nicht, so hole sie mit all‘ ihren Ruhm und Ehren der Teufel!“ Alles hing ihm wie Blei am Geiste und Leibe; seinem Hauptwunsch für dieses Jahr, in London die Partitur der „Walküre“ zu beenden und gleich nach seiner Rückkehr auf dem Seelisberg den „Siegfried“ beginnen zu können, musste er nun schon entsagen.
Das schlechte Klima in London und auch der „seelenlose Schlag von Menschen“ dort lässt seinen inneren Schaffensquell fast vollständig versiegen. Die Folgen hiervon schildert er in einem Brief vom 5. April 1855 an Otto Wesendonck:
Ich habe meine Komposition fast ganz vergessen und musste mich oft lange besinnen, wie ich dies und jenes darin gemeint hätte: – ich habe hier vollkommen das innere Gedächtnis dafür verloren. Sehr mühsam bin ich vorgestern mit dem ersten Akt fertig geworden und bereits begnüge ich mich mit der Hoffnung, wenigstens noch den zweiten Akt hier zu vollenden; den dritten muss ich mir aber auf den Seelisberg versparen, wo ich leider den „jungen Siegfried“ nicht werde beginnen können; glücklich will ich sein, wenn ich dort mein Werk überhaupt wiederfinde und den Mut zum „jungen Siegfried“ wiedergewinne. Glaubt mir, ich hätte nicht nach London gehen sollen!
Nach einem insgesamt überwältigenden Erfolg beim Londoner Publikum und bei seinem Orchester langte er am 30. Juni wieder in Zürich an. Die Abfahrt zum Vierwaldstättersee See verzögerte sich noch durch den Tod seines kleinen treuen Hundes Peps, sodass er mit seiner Frau erst am 12. Juli 1855 abreisen konnte.
Sogleich am 14. Juli beginnt er mit der Partitur-Reinschrift der „Walküre“. Doch wie schon in der Londoner Zeit ist hier, bei Minnas Molkenkur, vorwiegend schlechtes Wetter. Sein Gesundheitszustand ist ebenfalls seit Beginn der Konzertreise angeschlagen.
Da er nun insgesamt nicht recht vorwärts kommt, wird ihm allmählich klar, dass seine Planung zur Fertigstellung der „Walküre“ nicht zu halten ist. An Chordirektor Wilhelm Fischer in Dresden schreibt er am 17. August 1855:
Nun will ich wieder tüchtig arbeiten: doch mich nicht übernehmen: für dieses Jahr begnüge ich mich damit, die „Walküre“ vollends ganz fertig zu machen. Erst im Frühjahr gehe ich an den jungen Siegfried. –
Und rückblickend schreibt er am 31. August 1855 seinem jungen Freund Klindworth diesbezüglich:
Sie glauben nicht, welche Strafe es mir war, diese alberne Einladung angenommen zu haben. Es ist mir damit ein ganzes halbes Jahr aus meinem Leben gestohlen worden, und noch jetzt finde ich mich kaum nach der bösen Störung meines Gleichgewichtes zu recht. Meine Arbeiten haben am meisten darunter gelitten: noch heute habe ich es zu nicht viel mehr als der Reinschrift der schon in London fertigen von der „Walküre“ gebracht.
Um dem Übel von Außen zu begegnen, verlangt Wagner endlich nach einem Wiedersehen mit seinem Freund und Künstlerkollegen Franz Liszt. Alle inneren Quellen öffneten sich, wenn die Beiden sich trafen. Und so schreibt Wagner ihm am 5.(?) September 1855:
Meine innerliche Verstimmung ist unbeschreiblich; oft starre ich tagelang auf das Notenpapier hin, und finde keine Erinnerung, kein Gedächtnis, keinen Sinn für meine Arbeit mehr. Wo soll mir die Lust herquellen? Alle Motive dazu, die ich aus meiner qualvollen Einsamkeit eine Zeitlang schöpfen konnte, müssen doch endlich an Kraft verlieren.
Als ich das Rheingold begann und schnell beendigte, war ich eben noch voll von dem Zusammensein mit Dir und den Deinigen. Jetzt ist nun seit fast zwei Jahren Alles um mich verstummt, und alle meine Berührungen mit der Außenwelt sind nur verstimmend und beängstigend. – Glaub‘ mir, das geht nun nicht mehr lange: wenn mein äußeres Geschick nicht bald eine andere Wendung bekommt, wenn ich nicht bald die Möglichkeit gewinne, Dich öfter zu sehen, und eines meiner Werke hie und da zu hören oder aufzuführen – dann muss der Quell in mir vertrocknen, und es hat ein Ende. So geht das unmöglich mehr! –
Die Zeit bis zum Jahresende – und sogar bis ins Frühjahr 1856 hinein – ist dann geprägt von vielerlei gesundheitlichen Beeinträchtigungen, sodass die Arbeit am dritten Aufzug nur langsam vorankommt. Er sagt dazu:
Da ich nun nichts niederschreibe, als was mir endlich bei entsprechender Stimmung genügt, so ist leicht zu denken, wie viel Zeit ich gebraucht, um die seltenen Stunden ihn abzugewinnen.
Am 20. März 1856 hat Richard Wagner die Erstschrift der Partitur der „Walküre“ vollendet und die parallel dazu geführte Reinschrift ist schließlich 3 Tage später, am 23. März 1856, beendigt.
Siegfried
Um seine Gesundheit wieder herzustellen, beschließt Wagner einen Kuraufenthalt bei Dr. Vaillant in Mornex am Genfer See. Nur so, ist er überzeugt, kann er sich an die Arbeit des „jungen Siegfried“ wagen. Im Juni beginnt er die ca. 10-wöchige Wasserkur. Von dort schreibt er an Franz Müller:
Im Übrigen geht es bei mir stets mit Ebbe und Flut: oft bis zur tödlichsten Schwermut niedergedrückt, dann wohl auch wieder stolz, heiter und übermütig: nur dass die letztere Stimmung mehr den kurzen Sonnenblicken, jene erste dagegen den langandauernden Nebeltagen gleicht, wo mir dann oft zu Mute wird, als sollte die Sonne nie wieder durchdringen. Dass ich mit meiner Arbeit so weit zurückbleiben musste, ist mir das Peinlichste: zuvor hoffte ich, mindestens schon in diesem Frühjahre den „jungen“ Siegfried beginnen und im Laufe dieses Sommers beenden zu können, nun sehe ich ein, dass ich zunächst an Arbeit noch gar nicht, sondern einzig an die Herstellung meiner Gesundheit zu denken habe. Vor dem Spätsommer kann ich an die Wiederaufnahme der Komposition nicht denken – und das muss ich nun ertragen! –
… und etwas weiter ..
Zudem stehen den letzten Stücken nicht unbedeutende Veränderungen bevor, selbst ihre Titel werde ich nicht beibehalten: vermutlich bloß: „Siegfried“ und das letzte „Götterdämmerung“.
Namentlich aber werde ich Brünnhildes Schluss ganz neu dichten, da mir klar geworden ist, dass das Gedicht über seine ursprüngliche in jenem Schlusse noch beibehaltene, schematische Tendenz weit hinausgegangen ist, und dieser somit eine Beengung und Verkümmerung des gewonnenen Resultates ist. Natürlich bleibt im Wesentlichen dasselbe; nur die Deutung der allwissend gewordenen Brünnhilde wird eine andere, weitere und entscheidendere. Auch werden die Männer und Frauen – zum ersten Male im ganzen Werke – ganz schließlich einen breiteren Anteil nehmen und äußern.
Nach seiner Rückkehr Mitte August dreht sich für Richard Wagner alles nur noch um den bevorstehenden Besuch von Franz Liszt und seinem Anhang, der für den 20. September verabredet ist. Es tritt jedoch eine Verzögerung ein, und Wagner beginnt daher offiziell am 22. September mit der Orchesterskizze des I. Aufzuges des „Siegfried“. In den Wochen vorher muss er schon den Kompositions-Entwurf angefertigt haben, was aber nirgends dokumentiert ist.
Bevor Liszt am 13. Oktober 1856 eintraf, gelangte Wagner bis zu der Stelle: Mime: „Was verhofft‘ ich Thor mir auch Dank!“ Auf den 11. Oktober fiel auch noch der Beginn der Partitur-Erstschrift.
Liszt, der bei seinem Besuch tief in Wagners Nibelungen-Kosmos eindrang, schrieb diesbezüglich an A. Stern:
… verlebe ich hier mit Wagner prächtige Tage und durchsättige mich an seiner Nibelungenwelt, von welcher unsere Handwerks-Musiker und leeres Stroh dreschenden Kritiker noch keine Ahnung haben können.
Am 30. November, nach der Abreise von Liszt, nahm Wagner am 1. Dezember 1856 die Arbeit wieder auf. Er schreibt an diesen:
Ich muss sehen, wie ich morgen früh dem Siegfried die Nachricht vom Tode seiner Mutter beibringe.
… und am 6. Dezember:
Dieser Tage werde ich mit der ersten Szene fertig. Sonderbar! Erst beim Komponieren geht mir das eigentliche Wesen meiner Dichtung auf; überall entdecken sich mir Geheimnisse, die mir selbst bis dahin noch verborgen blieben. So wird auch Alles viel heftiger und drängender. Im Ganzen aber gehört doch viel Hartnäckigkeit dazu, wenn ich das Alles noch fertig machen soll … Ich glaube auch, ich mache das Alles nur für mich, um das Leben hinzubringen. Sei’s denn! – – –
Wagner war seit längerer Zeit auf der Suche nach einer Lösung für eine dauerhafte Niederlassung, die ihm endlich die nötige Ruhe zum Komponieren verschaffen sollte. Denn die Lage in seiner Wohnung am Zeltweg hatte ihm das ganze letzte Jahr unendliche Qualen bereitet:
Ich litt so furchtbar von fünf nachbarlichen Klavieren und einer Flöte, dass ich fast rasend wurde und den mit Not und Qual beendeten ersten Akt des Siegfried als einzige Ausbeute des Winters davontrug … schreibt er an Klindworth.
Mit einem ihm gegenüber wohnenden Schmied oder Schlosser, so berichtet Frau Wesendonck, hatte Wagner eigens einen Vertrag geschlossen, wonach dieser am Vormittage nicht hämmern durfte, weil er „Siegfrieds Schmiedelied“ komponiere. Aber was half ihm dieser Schutzvertrag gegen die musikalischen Geräusche seiner unzähligen Hausnachbarschaften? Die durch letztere verursachten Leiden wuchsen während der Arbeit bis in das Unerträgliche, so dass er am Ende auf gut Glück seine Wohnung kündigte, um sich in die Lage zu bringen, für jeden Preis ein ruhigeres Logis aufsuchen zu müssen.
Gerade als er an die Stelle gelangte:
Des Vaters Stahl fügt sich wohl mir:
ich selbst schweiße das Schwert!
… erhielt er von Otto Wesendonck die Nachricht, dass dieser ihm ein Grundstück mit Gartenhaus gekauft habe, welches er ihm zum selben Mietpreis, wie derzeit am Zeltweg, auf Lebenszeit überlassen will. Dieses Haus musste aber noch renoviert und auch wintertüchtig gemacht werden, was noch geraume Zeit in Anspruch nahm.
Der ganze „Ring“ blieb noch ein gewaltiges Stück Arbeit. Der Verlag Breitkopf & Härtel zögerte, auf eine Vorfinanzierung einzugehen, die Wagner dringend benötigte, und auch das Abenteuer einer Aufführung des gesamten „Ringes“ war aus mehreren Gründen äußerst nebulös. Diese Aussichtslosigkeit ließ in Wagner neue Projekte in den Vordergrund kommen. An Marie von Sayn-Wittgenstein, der Tochter von Liszts Lebensgefährtin schreibt er am 19. Dezember 1856:
… heute am „Siegfried“ komponieren wollte und unversehens in den „Tristan“ kam. … Die Nibelungen werden mir recht langweilig, doch ist Siegfried bei der Nachricht vom Tode seiner Mutter recht gut ausgefallen.
… Aber heute ist mir, wie gesagt, der „Tristan“ dazwischen gekommen mit einem melodischen Faden, der sich, als ich’s lassen wollte, immer wieder von neuem ansponn, so dass ich den ganzen Tag hätte dran fortspinnen können, was nun doch aber schicklichkeitshalber nicht geht.
Und einige Tage später, am 22. Dezember, erfährt Otto Wesendonck:
Ich kann mich nicht mehr für den Siegfried stimmen, und mein musikalisches Empfinden schweift schon weit darüber hinaus, da wo meine Stimmung hin passt, in das Reich der Schwermut. Es kommt mir wahrlich Alles – recht schal u. oberflächlich vor!
Doch der Quell ist noch nicht versiegt, das bezeugt er in der ersten Januarhälfte wiederum an Marie v. S.-W.:
Mit dem Siegfried bringt es die Not nur vorwärts. Die Szene mit dem Wanderer ist famos geraten, und nun bin ich dran, das Schwert zu schmieden: heute – mitten in meinem Jammer – rief Mime aus:
nun ward ich so alt
wie Höhl‘ und Wald,
und hab‘ nicht so ‚was geseh’n!
worüber ich laut lachen musste, so dass meine Frau verwundert zu mir kam, wo sie mich mit wüstem Kopfe auf dem Kanapee wusste. – Ja, so geht’s! So ein plötzliches Auflachen und dann lange Pein! –
Am 20. Januar 1857 wurde der Kompositions-Entwurf des I. Aktes von „Siegfried“ fertig und wenig später, am 5. Februar, die Orchesterskizze. Die Partitur-Erstschrift dazu vollendete Wagner am 31. März.
Ende April konnte er endlich in sein neues Haus, in traumhafter Lage an einem See, einziehen. Hier begann er dann am 12. Mai mit der Reinschrift der Partitur.
Das neue Heim machte ihn so glücklich, dass er euphorisch an seine Gönnerin Julie Ritter schrieb:
Wollen Sie nun noch etwas Erfreuliches von mir vernehmen, so sei es die Mitteilung, dass ich diesen Winter (…) zwar nur den ersten Akt des „Siegfried“ fertiggebracht habe, dass dieser aber mir über alle Erwartung gelungen ist. Es war mir ein ganz neuer Boden, und nach der furchtbaren Tragik der „Walküre“ betrat ich ihn mit nie gefühlter Frische. Nach dem Ausfall dieses Aktes habe ich jetzt die Überzeugung, dass der junge „Siegfried“ als mein populärstes Werk eine sehr schnelle und glückliche Verbreitung gewinnen, und nach einander alle übrigen Stücke nach sich ziehen wird, so dass er vermutlich der Gründer einer ganzen Nibelungen-Dynastie werden soll. Die erste Aufführung des Ganzen wird mir aber doch erst für 1860 wahrscheinlich; denn nach gänzlicher Vollendung der Musik bedarf ich doch ein volles Jahr zu den Vorbereitungen, wenngleich diese mir dadurch erleichtert werden sollen, dass ich schon jetzt auf glückliche Talente für die Darstellung stoße. …
… Im Übrigen soll mich nun nichts mehr in der Arbeit stören; zunächst verlasse ich mein schönes „Asyl“ diesen Sommer nicht, bis der Siegfried ganz fertig ist.
Neben der Reinschrift begann Wagner am 18. Juni mit der Orchesterskizze des zweiten Aktes, bis sich plötzlich die Verleger meldeten. Er schreibt am 28. Juni an Liszt:
Mit Härtels werde ich nun keine Not mehr haben, da ich mich endlich dazu entschlossen habe, das obstinate Unternehmen der Vollendung meiner Nibelungen aufzugeben. Ich habe meinen jungen Siegfried noch in die schöne Waldeinsamkeit geleitet; dort habe ich ihn unter der Linde gelassen und mit herzlichen Tränen Abschied genommen: – er ist dort besser dran als anders wo. – Soll ich das Werk wieder einmal aufnehmen, so müsste mir dies entweder sehr leicht gemacht werden, oder ich selbst müsste es mir bis dahin möglich machen können, das Werk im vollsten Sinne des Wortes der Welt zu schenken. Wirklich bedurfte es endlich nur noch dieser Auseinandersetzungen mit Härtels – als erster Berührung mit derjenigen Welt, die mir die Realisation meines Unternehmens doch ermöglichen soll –, um mich zur letzten Besinnung zu bringen, und mich die große Chimäre der Unternehmung einsehen zu lassen. Du bist der Einzige (von Bedeutung), der mit mir an die Möglichkeit glaubte, vielleicht aber doch nur, weil auch Du Dir die Schwierigkeiten nicht bestimmt genug noch vorführtest; diese Härtels, die nun aber sogleich positives Geld herausrücken sollen, sehen sich die Sache genauer an, und haben nun ganz gewiss recht, die einstige Aufführung des Werkes für unmöglich zu halten, wenn jetzt schon der Autor – ohne ihre Hilfe – nicht einmal zur Vollendung desselben gelangen sollte.
In der Orchesterskizze findet sich die Eintragung – ebenfalls am 18. Juni 1857 – Tristan bereits beschlossen! Angeregt vielleicht durch den regen Besuch von Freunden raffte sich Wagner am 13. Juli noch einmal auf und beendete die Kompositionsskizze am 30. desselben Monats. Sogar die Orchesterskizze des zweiten Aktes vollendete er noch am 9. August 1857.
Das Leben Richard Wagners sollte sich in den Folgejahren immer mehr zuspitzen. Um seine finanzielle Schieflage zu korrigieren, wollte er ein Werk schreiben, dass von allen Theatern ohne großen Aufwand schnell gegeben werden konnte. Dieses Werk – Tristan und Isolde – zog sich jedoch den Nimbus zu: unaufführbar zu sein. Bis 1864 wollte er es mit einem humorvollen Stück probieren – Die Meistersinger von Nürnberg – . Doch schon im April diesen Jahres drohte die Situation zu kollabieren. Die Anzahl der Gläubiger und der Druck, den sie auf ihn ausübten, ließen Wagner nur noch die Flucht als Möglichkeit offen, dass hieß: alles im Stich lassen und untertauchen, um dem Schuldturm zu entgehen.
Da geschah das Wunder! Der neu gekrönte König von Bayern, Ludwig II., ließ ihn durch seinen Minister suchen, um ihn an seinen Hof zu berufen. Der Märchenkönig und das größte lebende Genie hatten sich gefunden!
Der König bezahlte nahezu alle Schulden Wagners, gab ihm ein ordentliches Jahresgehalt und schenkte ihm ein stattliches Haus. Der Meister sollte nur noch für seine Werke leben. So wurde vereinbart, dass die „Ring-Trilogie“ innerhalb von drei Jahren fertiggestellt werden sollte.
Gleich am nächsten Tage, dem 27. September 1864, setzte Wagner die in Zürich begonnene Reinschrift des 1. Aktes von „Siegfried“ mit der 2. Szene fort. Die Partitur-Erstschrift des 2. Aktes begann er am 22. Dezember 1864 und beschloss sie ein Jahr später, am 2. Dezember 1865. Zwei Tage später musste er München unfreiwillig verlassen, was dann auch eine nochmalige jahrelange Unterbrechung der Arbeit am „Ring“ mit sich brachte.
Es folgte in den nächsten Jahren die traumhafte Aufführung von „Tristan und Isolde“ und die Arbeit an den „Meistersingern“. Erst im November 1868 begann Wagner wieder mit der Arbeit am „Siegfried“. Er fertigte zunächst die Partitur-Reinschrift des 2. Aktes an, die er dann am 23. Februar 1869 beendete. Das war notwendig, um sich nach 12 Jahren wieder so richtig in den Geist dieses Werkes einzuweben. Er schreibt an König Ludwig II. an diesem Tag:
Diese Ausführungsarbeit diente denn nun aber auch dazu, durch anhaltende Beschäftigung damit, mich gänzlich erst wieder in den Geist meines Werkes zu versetzen, und darin mich wieder so heimisch zu machen, dass ich eben nur fortfahren kann, als ob ich nie darin unterbrochen worden wäre. Gewiss war meine große Besorgnis natürlich, mit welcher ich an diese Wiederanknüpfung ging. Eine Unterbrechung von zwölf Jahren (Wagner vernachlässigt hier das eine Jahr 64/65) bei einem Werke ist gewiss unerhört in der Kunstgeschichte: und wenn es sich nun zeigt, dass diese Unterbrechung nichts an der Frische meiner Konzeption ändern konnte, so darf ich dieses wohl als Beweis dafür anrufen, dass diese Konzeptionen ein ewiges Leben haben, nicht von gestern, und für morgen nur sind.
Im selben Brief erwähnt er noch, dass er jetzt in den Bereich des dritten Aktes eintrete. In der Kompositionsskizze ist der Beginn für den 1. März eingetragen.
Am 22. März 1869 teilt er dem König mit:
Jetzt beschäftigt mich die Szene Siegfrieds mit dem Wanderer, nachdem die furchtbare Zwiesprache mit Erda ihre ausdrucksvolle Form gefunden. Sehr, sehr rührend und ergreifend wird diese entscheidungsvolle Begegnung Wotans mit seinem furchtlosen Sprossen, dem er fremd – ja, endlich feindlich sein muss, und der ihm doch das Liebste, das Urbild all seines Wollens ist! Wenn etwas mir zur Bestätigung meiner Bestimmung dient, so ist es die Freude, mit der ich mich wohlvertraut nun wieder seit so lange in diese alt-heimische Welt versenke, und so ganz in ihr zu Hause bin, als ob ich nie aus ihr geschieden wäre. –
Cosima teilt am 31. März mit:
Richard arbeitet und sagt, er sei nun drin; sein Siegfried eilt durch die Lohe.
… und am 3. Mai:
Er arbeitet nun, während ich die Kinder unterrichte. Vor Tisch spielt er mir, was er gemacht – beglückende selige Stunde, vergessen aller Erden Not und Lebensqual! Ich muss stets in Tränen ausbrechen und kann kein Wort finden, wenn ich seine Töne höre.
Einen Tag später gibt Wagner Einblick in seine Arbeitsweise:
… dass beim Schaffen die Schwierigkeit nicht, die Einfälle zu haben, sondern sich zu beschränken – ihm flöge nur zu viel an, die Aufregung und Unruhe käme ihm von dem Ordnen und Wählen.
… und am 18. Mai 1869, als Ludwig II. durch einen Brief von Hofrath Düfflipp schon an Wagners Geburtstag, dem 22. Mai, gedenkt, antwortet Wagner:
Meinen Geburtstag, Allerteuerster! Lassen Sie mich dieses Mal an dem Tage feiern, an welchem ich den vollendeten Siegfried in Ihre Hände lege. Nur noch wenige Geburtstage habe ich zu erleben, doch diese seien von nun an die Tage der Geburt eines neuen Werkes: nur nach solchen will ich fortan noch die Marksteine meines Lebens gestellt wissen. So bleibe ich auch jünger, als wenn mein Leben nach diesen jammervollen irdischen Lebenstagen gezählt würde, deren Anhäufung zu Jahren für mich keinen Sinn mehr hat.
… Erst jetzt, da ich der Vollendung der wieder aufgenommenen Arbeit mich nähere, erkenne ich, welches unvergleichliche Glück es war, dass ich hierzu wieder fähig gemacht werden konnte: mir musste der ungemessenste Glaube an meine Bestimmung erweckt werden, um die Kraft hierfür zu finden. Aber es ist eine ernste, sehr angreifende Arbeit: namentlich reiben mich die wehevollen, schmerzlich-leidenschaftlichen Stellen sehr auf. Ich bin mit den Kompositionsskizzen jetzt bis zu den Worten: „Sonnenhell leuchtet der Tag meiner Not!“ vorgedrungen.
Weil ihn die Arbeit auch körperlich so angreift, will er nach Fertigstellung der Komposition erst einmal zur Kur fahren.
Doch jetzt, holdester Herr! – keinen Tag Unterbrechung, keine Zerstreuung! Denn ich bin am allerzartesten und aufgeregtesten Punkte meiner Arbeit: an der Kristallisation des zum Schlusssteine bestimmten Juweles! – … Somit: kein Geburtstag! Kein Fest! Auch auf Tribschen soll es nicht beachtet werden! Nur was das stille Gedenken Uns sagt, das sei treulich still gehegt, und erblühe als Blume in den Jubeltönen Siegfrieds und Brünnhildes!
Im Dankesbrief an den König für seine Geschenke vom 26. Mai schreibt Wagner:
„Heil Siegfried! Wecker des Lebens!
Lust der Welt!“
Bald, bald habe ich die letzten Töne des Jubelliedes aufgezeichnet! Nicht lange mehr, und Alles liegt vollendet zu Ihren Füßen!
Am 16. Juni (14. steht auf Kompositionsskizze) ist schließlich die Komposition des 3. Aktes beendet. Cosima schreibt:
Um ein Uhr kommt er mit den Skizzen in der Hand, „richtig ausgetragen“ steht drauf, er meint, jetzt ist unser Kind erst geboren. Er ist göttlich wieder, dieser Akt! (einige Tage vorher kam ihr Sohn Siegfried zur Welt)
An König Ludwig II. schreibt er am 1. Juli 1869:
Und nun zu dem Allerheitersten: zu Siegfried! Dieser ist nun bis zu Ende skizziert: Alles steht fest. Nun habe ich zunächst noch die wilden, nur mir verständlichen Aufzeichnungen in eine solidere Notenschriftsprache zu übertragen: diese Ausarbeitung erfordert viel Zeit und Geduld; wie ernstlich ich es aber damit meine, mögen Sie daraus ersehen, dass ich, alle Umstände wohl erwägend, auch für dieses Jahr meine Kur aufgegeben habe. Ich hatte hierfür jetzt, wo die Zeit für solche Kuren eintrat, mich zu entscheiden: meine Wahl fiel darauf, mich in der Vollendung meines Werkes nicht unterbrechen zu lassen. Mein guter Genius möge nun dafür sorgen, dass ich dies nicht zu bereuen habe! Mein Plan ist nun, dass ich um die Zeit Ihres teuren Geburtstages mein Werk jedenfalls so weit habe, dass ich die zwei ersten Akte Ihnen in letzter vollendeter Abfassung vorlegen kann, den dritten Akt aber aus der Orchesterskizze Ihnen ganz vorspielen kann, wenngleich dann die Ausarbeitung der Instrumentation mich noch einige Zeit in Beschlag nehmen wird. Was ich jetzt schreibe, ist nun einmal von höchster Reife und Fülle: nichts kann ich machen, um es eben nur gemacht zu haben. Und dazu bedarf ich vieler Zeit, weil die guten Stunden, in denen ich Solches schaffe, nur noch selten sich finden können.
Am 4.(5.) August 1869 beendet Wagner die Orchesterskizze des 3. Aufzuges. Als nächstes macht er sich an die Instrumentation. Er beginnt damit am 25. August und setzte diese Arbeit bis Ende Oktober fort.
Beginn Götterdämmerung
Gleichzeitig – seit Anfang Oktober – befasst er sich schon mit der „Götterdämmerung“. Die endgültige Fertigstellung des „Siegfried“ wird nun immer weiter herausgeschoben.
Das Ganze hatte einen bestimmten Grund: Wagner hatte sich ja dem König gegenüber vertraglich verpflichtet, den Ring-Zyklus fertigzustellen. Sein ganzes Schaffen gehörte Ludwig II., was von Wagner durchaus erwünscht war. Er wollte ja einzig seinen Werken leben, von allen niederen Sorgen befreit und das garantierte wiederum der König. Dafür gehörten diesem aber auch die Ring-Werke.
Wagner hatte sich ja bekanntlich vorgenommen, den „Ring“ fertigzustellen und dann aufzuführen. Das dauerte Ludwig aber zu lange und er befahl die Aufführung der beiden, schon fertiggestellten Werke „Rheingold“ und „Die Walküre“. Da das nun überhaupt nicht im Sinne von Wagner war, befand er sich in einer „Zwickmühle“. Sein Groll darüber trieb ihn schließlich dazu, alles zu unternehmen, um seinen „Siegfried“ nicht auch noch preisgeben zu müssen.
Die Arbeit an der „Götterdämmerung“ kämpft sich mühsam voran. Cosima notiert am 11. Dezember 1869:
Er arbeitet und ist zufrieden; in der Szene zwischen Brünnhilde und Siegfried aus der Götter-Dämmerung kommt kein Thema von der Liebes-Szene mehr vor, weil alles durch die Stimmung, nicht den Gedanken bedingt ist und die Stimmung eine andere ist als im heroischen Idyll im „Siegfried“.
Seinem alten Freund Anton Pusinelli in Dresden schrieb er am 12. Januar 1870:
Bald habe ich mein 57. Lebensjahr vollbracht, und ich darf erkennen, dass mir eben nur die Ruhe fehlte, um meine Kraft erst jetzt noch in ihrer lautersten Wirksamkeit zu bewähren. Im vorigen Sommer, an dem Tage, an welchem mir Überglücklichem ein schöner Sohn geboren wurde, vollendete ich die Komposition des „Siegfried“, in welcher ich mich seit 11 Jahren unterbrochen hatte. Ein unerhörter Fall! Keiner hat geglaubt, dass ich dazu noch kommen würde. Und nun musst Du diesen letzten Akt hören, die Erweckung der Brünnhilde! Mein Schönstes! – Und jetzt habe ich nun auch die „Götterdämmerung“ begonnen. Viel Zeit muss ich haben, – denn was ich niederschreibe, ist eben alles Superlativ.
Am 7. Februar 1870 beginnt Wagner mit der Kompositionsskizze des 1. Aktes. Cosima schreibt dazu:
… wie ich zu Richard hinunterkomme, spielt er mir das Gibichungenthema, das ihm so sicher eingefallen ist, dass er es sofort mit Tinte aufschrieb. Große Freude daran; Gespräch über diese Typen Gunther, Hagen – letzterer grauenvoll geheimnisvoll, unbeweglich, kurz. Über die verlorene Naivität; „mir sind alle diese Helden wie eine Versammlung von Tieren vorgekommen, der Löwe, der Tiger etc; sie fressen sich auch untereinander, aber es tritt keine ekelhafte Konvention, Hofetikette usw. dazu, es ist alles naiv“.
Am 7. April teilt sie mit:
Richard arbeitet und freut sich am Abend; er hat den „Eid“ komponiert und ist zufrieden. „Das Schwierige war“, sagte er, „kein neues Tempo in die Szene zu bringen, alles sollte immer fortlaufend sein, und doch sollte es bedeutend wirken, wie eine schwere Gewitter-Wolke“ – es ist ihm herrlich gelungen.
Am 15. April beschäftigt sich Wagner mit der Abfahrt von Siegfried mit Gunther und zwei Tage später erzählt er, dass Hagens Wachtlied kolossal wird! Am 21. April ist es fertiggestellt!
Dem König teilt Wagner am 5. Mai 1870 mit:
Die unglaubliche Arbeit der Wiederaufnahme und Vollendung der Nibelungen geht wirklich vor sich, mein huldvoller Freund. Wenn das Werk endlich einmal zum Studium vorliegen wird, mag es dann schwer zu begreifen haben, wie eine solche Ausführung möglich war. Natürlich lebt hierin Alles an den gesponnenen Urfäden des ersten Entwurfes fort, nur wird das Gewebe selbst immer reicher und mannigfaltiger, da immer neue Fäden hinzukommen und neue Lebensschicksale melodisch sich hineinweben.
Die Arbeit geht langsam, aber stetig voran …
„Wie gern würde ich jetzt dichten, welche leichte rasche Arbeit, was ist das im Vergleich zum Partiturschreiben, das ist das Skelett, wie das Geäst, der Baum im Winter; die Musik ist die Blüte, die Blätter“, ruft er am 10. Mai 1870 aus,
An Nietzsche schreibt er am 4. Juni:
Morgen gedenke ich die Skizzen des I. Aktes von Siegfried’s (Götterdämmerung – wollte ich sagen) zu beendigen.
Am 2. Juli 1870 schließt Wagner den zweiten Gesamtentwurf des I. Aktes ab.
Abschluss Siegfried
Die folgende Zeit ist erfüllt von der Kriegsatmosphäre Bismarcks gegen Napoleon. Erst zu Beginn des Oktobers, am 6., beginnt Wagner, angeregt durch ein zugesandtes Porträt des Malers Lenbach von Cosima, mit der Arbeit am III. Akt des „Siegfried“. Der eigentliche Grund war aber der, dass die ersten Korrekturfahnen des Stiches der Siegfried-Partitur im Sommer bei ihm eingingen. Damit war er unter Druck gesetzt, dem Verleger Schott eine kontinuierliche Arbeit zu ermöglichen, da das Verfahren sehr kostspielig war.
In den ausklingenden Oktobertagen, als sich der Krieg schon mehr nach Frankreich verlagert hat, notiert Cosima:
R. instrumentiert die Szene zwischen Wotan und Siegfried und sagt, es sei die schönste Szene, die er gedichtet, fügt dann scherzend hinzu: Wotan ist tragisch, weil er zu lange, und Siegfried, weil er zu kurz lebt.
Zum Ende des Jahres 1870 meldete sich Schott noch einmal wegen des III. Aktes der ausstehenden Siegfried-Partitur. Wagner versuchte ihn zu besänftigen:
Es tut mir leid, dass Sie im Betreff des „Siegfried“ bis zur Mahnung an mich zu schreiten sich genötigt sehen mussten: allerdings war ich schließlich gegen die Vollendung der Partitur des „Siegfried“ durch die diesjährige Hinrichtung (vulgo: Execution) der „Walküre“ in München in die übelste Laune geraten, da ich erfuhr, dass mein allerdurchlauchtigster Protektor nur auf den Empfang der Siegfried-Partitur spannt, um mit ihr sofort die gleichen Experimente vorzunehmen. Wenn ich im Allgemeinen nun meinen Gegenplan für eine Gesamtaufführung dieser Nibelungenstücke nach meinem Sinne ausarbeite, und im Stillen seine Ausführung vorbereite, so zog es mich jetzt mehr zu der Komposition des letzten Stückes „die Götterdämmerung“ hin, darin ich denn auch bereits ziemlich weit gekommen bin. Doch habe ich nun auch die Partitur des letzten Aktes von „Siegfried“ in Arbeit genommen: bereits vor 3 Wochen ist die erste Hälfte davon an Klindworth abgegangen, und mit Neujahr folgt der Schluss nach.
Und am 28. Dezember 1870 fasst Wagner dem König gegenüber seine Beweggründe diesbezüglich noch einmal zusammen:
Gestärkten Mutes trete ich in dieses neue Jahr, das hoffentlich mein großes Werk in entscheidenster Weise fördern soll; ich gedenke in ihm auch die ganze Komposition der „Götterdämmerung“ zu vollenden. Ich habe die Fortsetzung der Komposition des Ganzen der letzten, so sehr ermüdenden Ausarbeitung der Instrumentation des einzelnen, in der Komposition vollendeten Teiles, als für das Gedeihen der ganzen Arbeit vorziehen müssen, sowohl um das Ganze in einem Gusse zu fördern, als auch um meiner häufig sehr angegriffenen Gesundheit die unerhörte und durch ihr Anhalten mich erschöpfende Mühe der Partitur-Niederschrift zunächst noch zu ersparen. Ich bin überzeugt, dass die vorangehende Vollendung der ganzen Komposition, da sie für die Erfindung einzig die Hauptsache ist, mich sehr heiter und frei stimmen wird, so dass ich meiner Gesundheit dann mit leichtem Mute die letzte, durch ihre Masse allerdings sehr ermüdende Anstrengung zumuten kann.
Am 5. Februar 1871 ist die Partitur des „Siegfried“ fertiggestellt.
Fortsetzung Götterdämmerung
Der gesamten Trilogie fehlten jetzt noch der zweite und dritte Akt der „Götterdämmerung“. Nach der Komposition des Kaisermarsches anlässlich des deutschen Sieges über die Franzosen und einer längeren Deutschland-Reise hält Cosima am 20. Juni 1871 in ihrem Tagebuch fest:
Richard sammelt sich zur Komposition; sein erster Akt erfreut ihn und erschreckt ihn zugleich, „soll ich so fortfahren?“ Die Szene der Waltraute mit Brünnhilde ist ihm „rein unverständlich“, so vergessen hat er sie; er sagt: „Ich würde bange sein, wenn ich nicht wüsste, dass alles bei mir durch ein sehr enges Tor geht und dass ich nichts schreibe, was mir nicht ganz klar ist.
… und drei Tage später …
wie wir zu Tische gehen, sagt er mir: „Ich entwerfe jetzt eine große Arie für Hagen, aber nur für Orchester. Was ich für ein Stümper bin, glaubt kein Mensch, ich kann garnicht transponieren. Das Komponieren ist bei mir auch ein seltsamer Zustand; beim Phantasieren habe ich alles, endlos, nun heißt es fixieren, da kommen einem die physischen Griffe schon in den Weg, wie war es denn, heißt es dann, nicht wie ist es, wie soll es sein, wie war es, und nun suchen, bis man es wiederfindet. Mendelssohn würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn er mich komponieren sähe.“
Am 24. Juni 1871 begann Wagner schließlich mit der Kompositions-Skizze des II. Aktes der „Götterdämmerung“. Dies teilt er Lorenz von Düfflipp, dem Sekretär von König Ludwig II., am 26. Juni sogleich mit:
Mit einer Art von Gewalt musste ich endlich den Schleier zerreißen, um mich an meine eigentliche Lebensarbeit zu setzen: da sitze ich denn wieder an der „Götterdämmerung“, um mich der „Höllendämmerung“ zu entziehen.
Am darauf folgenden Tag hält Cosima fest:
Richard hat Hagens Arie komponiert; er sagt: „Du bist mir dabei in deinem Schlafe eingefallen; ich wusste nicht, sollt‘ ich ihn lautlos sprechen lassen oder nicht, da fiel mir dein Traumreden ein, und ich wusste, dass ich Hagen leidenschaftlich sich ausdrücken lassen konnte, was viel besser ist.“
… und am 28. Juni:
… zu Tisch bespricht er den seltsamen Zustand des sich Sammelns, das aussieht wie eine Zerstreutheit; bald richtet er ein Kissen, bald denkt er an die Politik, aber unterdessen sammelt er sich, und plötzlich ist es da. Nun muss nichts von außen kommen.
Am 6. Juli 1871 quält Wagner der „Komponier-Teufel“.
Er findet nämlich, dass er zu viel beim ersten Schwur (Hagen Gunther Siegfried) vergeudet hat, will die Orchesterzwischenspiele herübernehmen zum Schwur des II. Aktes und neues komponieren, eine Erfahrung, die ihm ganz neu ist.
… und nächsten Tag:
Wie ich mit den Kindern im Garten arbeite, ruft er mir zu: „Ich habe einen wundervollen Gedanken, kann dir ihn aber nicht sagen.“ Ich laufe hinauf, und da teilt er mir mit, dass das Thema, das „du schon gehört, das dir gefiel“, das bei Siegfrieds plötzlichem Erscheinen aus dem Busch erklingt, dasselbe ist, dass die Mannen singen werden, welche über Hagen lachen; eine Art Gibichungen-Lied, das die sonderbare gemütliche Behaglichkeit von Hagen ausspricht. Wie selig ich bin, wenn er mir solches mitteilt; es ist mir, als wäre nie Unheil gewesen, könnte es nie Unheil geben.
Am 18. Juli erlebt Cosima wieder Wunderbares:
Nach Tisch spielt er Siegfrieds 3ten Akt durch, über alle Worte herrlich; bei der Begrüßung Siegfrieds durch Brünnhilde zeigt er mir Harfenklänge, die er hinzugefügt, gleichsam wie die Harfen der Skalden, wenn sie in Walhall einen Helden empfangen. Diese Klänge werden beim Tode Siegfrieds wieder erschallen. Tiefer unaussprechlicher Eindruck; schönste Liebeswerbung; Furcht Siegfrieds, Furcht vor der Schuld durch die Liebe, Brünnhildes Furcht Ahnung des Untergangs; ihre jungfräulich reine Liebe zu Siegfried echt deutsch. – Ich schaue umher nach den Menschen, die so etwas mitempfinden werden, der Vater und auch Tausig kommen mir in den Sinn.
Die zweite Szene des III. Aktes wird am 24. Juli 1871 beendet.
Am 25. August, dem Hochzeitstag von Cosima und R. Wagner, meint dieser:
Ein hübsches Zusammentreffen, ich muss jetzt Hagens Hochzeitsruf komponieren, es ist wunderhübsch!
Dann am 4. September:
Gegen Mittag ruft mich Richard und spielt mir seinen „Einfall“; Brünnhildes Empfang durch die Mannen, ihr Erscheinen wird durch das Motiv charakterisiert, welches wir gehört haben, als ihr vor Siegfried bangt, „als das andre über sie kommt“, wie R. sagt.
… und zwei Tage darauf:
Wir sprechen von Siegfrieds und Brünnhildes Liebe, die keine erlösende Welttat vollbringt, keinen Fidi (Kosename ihres Sohnes) hervorbringt; die Götterdämmerung das Tragischste, dafür aber sieht man vorher das höchste Glück durch die Verbindung zweier vollendeter Wesen. Siegfried weiß nicht, was er verschuldet; als Mann, einzig der Tat zugewendet, erkennt er nichts, er muss fallen, dass Brünnhilde zur höchsten Erkenntnis gelangt.
Am 27. September war Wagner sehr absorbiert von seiner Arbeit und am nächsten Tag erfährt Cosima den Grund:
… die Stelle, wo Brünnhilde Siegfried sagt, wie das Schwert zwischen ihnen beiden wonnig gehangen hätte, ging ihm durch den Sinn, heute hat er sie zu seiner Zufriedenheit festgestellt, „es kam hier alles auf Konzision an und dass keine Modulation stattfand“, die Trompete, die hat ihm gefallen.
Gleich am nächsten Tag hat er …
… einen griechischen Chor komponiert …, aber einen Chor, der gleichsam vom Orchester gesungen wird; nach Siegfrieds Tod, während des Szenenwechsels, es wird das Siegmund-Thema erklingen, als ob der Chor sagte, er war sein Vater, dann das Schwertmotiv, endlich sein eignes Thema, da geht der Vorhang auf, Gutrune tritt auf, sie glaubt, sein Horn vernommen zu haben; wie könnten jemals Worte den Eindruck machen, den diese ernsten Themen neugebildet hervorrufen werden, dabei drückt die Musik stets die unmittelbare Gegenwart aus.
Am 3. Oktober notiert Cosima:
R. arbeitet und spielt mir dann das herrlich dämonische „helle Wehr“ der armen Brünnhilde. Oft, sagt er, kommt es ihn an mit schaudern, wenn er es plötzlich müde würde, an diesem Werk zu schaffen – – „doch“, beruhigt er mich, „jetzt, da ich so weit bin, werde ich es wohl auch fertigmachen“.
… und am 10. Oktober:
Heute vor 18 Jahren sah ich Richard zum ersten Mal. Es war in Paris, er las uns die Götterdämmerung vor, „die ich nun erst fertig mache; ohne dich hätte es nie gedämmert“, sagt er.
Am nächsten Abend spielt (er) aus Tristan und Siegfried.
Wehmütige Stimmung R.s und mir; für mich ist namentlich das Aufhören der Musik wie der Todesstoß, der mich dem Leben wiedergibt!
Am 18. Oktober ist Wagner sehr angegriffen, …
… arbeitet nicht, denkt aber stets an seine Arbeit, das Thema der Rheintöchter im dritten Akt hat er, jedoch müsste er, wie er sagt, eine Änderung des Textes vornehmen, das tut er nicht gern.
Am 25. Oktober notiert Cosima:
R. hat heute die Bleistift-Skizze seines zweiten Aktes vollendet; alle alle Götter und Geister seien gesegnet und bedankt: Der „Weihstein“ ist ihm heute angekommen, zu welchem der Hochzeitszug abgeht und sie gleichsam Brünnhilde abholen. Brünnhildes Blick!!
Am 19. November beendete Wagner die Kompositionsskizze des II. Aktes der „Götterdämmerung“ und sagt zu Cosima:
„Nun habe ich dir doch jedes Jahr einen Akt geschrieben.“ Große Freude!
Den Beginn des III. Aktes hatte er sich für den Neujahrstag vorgenommen, dies teilt er dem König am 27. Dezember 1871 mit:
Hier, in den Schoß meiner Lieben zurückgekehrt, sammle ich mich denn nun, um mit Neujahr an die Vollendung meines Werkes mit der Ausführung der Musik zu dem letzten Akte der „Götterdämmerung“ zu gehen: die Oster-Sonne soll den „Finis“ begrüßen. –
O, mein holder König! Was dies heißt!! Die Beendigung meines Nibelungenwerkes? Wie hätte ich das sonst je noch für möglich gehalten! Tief steht es in mein Dasein geschrieben, Wer dieses Wunder durch mich ermöglichte!
So seien Sie, Herrlicher, Wundervoller! Mir aber- und abermals gesegnet, gelobt, geliebt und gepriesen! Überall hin begleite Sie der Freudenruf meiner Seele, und sage Ihnen, dass es wohl ein göttliches Glück selbst auf dieser Erde gebe!
Am 21. Februar 1872 notiert Cosima:
R. arbeitet und beendet die Antwort Siegfrieds an die Rheintöchter, indem er die zwei Verse streicht, die zu reflektiert sind: „Siegfried ist nur Aktion – dabei kennt er doch das Schicksal, das er über sich nimmt.“ Er spielt mir, was er eben vollendet – höchste tragische Wirkung!
… und zwei Tage später:
… zu Mittag sprechen wir von der Rheintöchter-Szene; er zeigt mir, wie die Mädchen zu Siegfried sehr nahe kommen, dann wieder untertauchen, jubelnd und lachend ihn dem Verderben weihen, mit der ganzen kindlichen Grausamkeit der Natur, die nur die Motive zeigt und gleichgültig das Individuum preisgibt; und darin wiederum die größte Weisheit zeigt, die nur durch die Weisheit des Heiligen überboten wird.
Am 25. Februar hat er die erste Szene nun vollends zu Tinte gebracht; „Siegfried habe ich einen Schrei gegeben! Der Kerl schreit wie eine wilde Gans“.
Stetig wächst das große Werk weiter. Am 12. März spielt er mir gegen Mittag die herrliche Todessymphonie, „das ist ein Heldengesang, so wird er und seine Ahnen in späten Zeiten besungen. „Siegfried lebt ganz in der Gegenwart, er ist der Held, die schönste Begabung des Willens.“
Am 17. März 1872 sagt R., er habe das Komponieren sehr satt, er habe schon so viel gemacht, bei der Ankunft der Leiche Siegfrieds könnte er eigentlich auf die Partitur schreiben, vide Tristan III. Akt. –
Überhaupt ist mit diesem nicht zu Ende gehen wollenden Winter Wagners Stimmung auf den Tiefpunkt gesunken. Die zum schöpferischen Schaffen so notwendige Unbeschwertheit wird noch durch drei weitere Gründe eingeschränkt. Der 5. April enthält folgende Notiz:
R. ist ziemlich wohl, seine Arbeit aber macht ihm keine Freude, „und wie sollte es wohl sein“, sagt er, „drei Dinge stehen mir immer bevor: der König, der nur darauf wartet, dass die Sachen fertig seien, um sie zu schänden; Schott, der das Eigentumsrecht verlangt, um sie an die Theater zu verkaufen; Weber, der nach seinem Belieben die Dichtung auflegen will, so dass ich lieber alles vernichten möchte“.
Am 9. April 1872 ist die Bleistiftskizze des III. Aktes der „Götterdämmerung“ fertiggestellt. Und nun braucht es noch mindestens zwei Monate, um die Niederschrift in Tinte auszuführen.
So teilt Cosima am 22. Juli mit:
Mir fehlt die Kraft, um die Ergriffenheit zu schildern, die sich meiner bemächtigt, als R. mich rief, um mir zu melden, dass er die Skizze beendigt habe. Er spielt mir den Schluss vor, und ich weiß nicht, ob ich von den erhabenen Tönen oder von der erhabenen Tat tiefer erschüttert bin. Mir ist es, als ob mein Ziel erreicht sei und ich nun die Augen schließen könnte.
Im nächsten Schritt folgt die Instrumentierung. Am 2. Mai 1873 wird festgehalten:
R. geht an seine Partitur, was ihm zuerst schwerfällt. Eine Seite wird heute vollendet.
Am 4. Juli notiert Cosima:
… nach Tisch Gespräch über Siegfried und Brünnhilde, dass ersterer nicht tragisch sei, weil er nicht zum Bewusstsein seiner Lage kommt, ein Schleier ist über ihm, seitdem er Brünnhilde für Gunther geworben, aber alles unbewusst, der Zuschauer erkennt es. Wotan und Brünnhilde sind tragisch.
Es gehörte fest zum Tagesablauf im Hause Wagner, sich gegenseitig des Abends aus den Werken großer Meister vorzulesen. So z. B. am 19. Juli 1873:
Wir beginnen den „Mythus von Thor“ von Uhland. R. erzählt mir, er habe das Glockenspiel seinem Orchester beim Abschiedsgruß von Brünnhilde beigefügt, als exzentrisches Moment, als ob die Flamme freudig loderte. –
… und am 3. September:
Wie ich ihm sage, er solle unsere Abendlektüre ganz nach seinem Sinne bestimmen, erwidert er, es ginge ihm hier wie Siegfried und Brünnhilde, er höre mich, freue sich daran, unbekümmert um den Sinn.
Neben dem Schaffensprozess hing wie ein Damoklesschwert über Beiden die Vorbereitung, die Ermöglichung, der Aufführung des „Ringes“. Der Verkauf der Patronatsscheine lief sehr schleppend und demzufolge fehlte das Geld, um den Bau des Festspielhauses zu bezahlen. Cosima gewährt am 12. September einen Einblick in ihre Gemütslage:
R. schreibt an den Großherzog von Oldenburg und an den König v. W. (Württemberg), sein Unternehmen empfehlend – mir ist es so schwer um das Herz, wie viele Tage sind es nun, dass er an der Partitur nicht arbeiten konnte! Ich fühle eine förmliche Angst, dass er diese Partitur gar nie fertig bekommt, wenn es so weiter geht. Wir denken wieder an Konzerte. – – – Dabei hat sich soeben der König v. B. (Bayern) ein Schloss für 200.000 Gulden gekauft.
Der deutsche Kronprinz hat sich angekündigt, Bayreuth zu besuchen. Wird sich dadurch eine Chance ergeben, dem Festspielunternehmen einen mächtigen Gönner zu gewinnen?
Der Prinz besucht Kirche, Opernhaus, Schlösser; unser Theater nicht, das einsam und fern von allem für sich steht, das Kreuz, daran wir geheftet, der Tempel, worin wir beten.
Am 15. September geht Wagner wieder an die Partitur, obwohl er immer noch keinen adäquaten Ersatz für seine zerbrochene Goldfeder – ein Geschenk von Mathilde Wesendonck – bekommen hat.
Zwei Tage später bemerkt er …
… wenn er so mit der Partitur fortführe, würde er nicht fertig; gestern sprach er mir von dem englischen Horn (S.), welchem er die ganze Unschuld der Gutrune auszusprechen gegeben habe.
Am 17. November beginnt Wagner mit der Szene von Waltraute und Brünnhilde und am nächsten Tag erzählt er über Brünnhilde und ihre Liebe:
Abends Luther’s Heirat, sehr schön. R. kommt immer wieder auf die Idee seines Lustspiels zurück. Man muss die Dürer’schen Frauen (in Bamberg) gesehen haben, um diese Ehen zu verstehen. Da ist allerdings nichts von der verzehrenden Liebe, welche den Mann auffrisst, wie Tristan, wie „Antonius und Cleopatra“, in welch letzterem noch dazu die Erkenntnis ist, dass das Weib ein schlechtes ist. Diese Liebe ist es, die Brünnhilde verherrlicht, und es war sehr merkwürdig, dass ich inmitten der Nibelungen-Arbeit das Bedürfnis hatte, dieses Eine, das in dem großen Gedicht nicht erschöpft werden konnte, bis zum äußersten darzustellen, und Tristan entwarf. Alles unbewusst, nur immer getrieben. Bei den Rheintöchtern ist die Liebe nur ein Naturergebnis, und dazu kehrt es am Schluss zurück, nachdem es aber durch Brünnhilde zur Weltvernichtung, Welterlösung geworden ist.
Am 4. Dezember 1873 notiert Cosima:
R. arbeitet, er ist bei der Szene der Waltraute angelangt – und erschrak selbst über seine Harmoniefolgen. Er spricht von seiner Arbeit und sagt: Siegfried verlässt Brünnhilde, um auf Raub zu gehen, „nun müssen sie sich ernähren, er muss einige Könige tributpflichtig machen“. Von Waltraute spricht er: Wie sie nicht als einfache Botin, sondern als ganz von Leid verzehrt zu Brünnhilde spräche.
Drei große „Baustellen“ sind es, die seit einiger Zeit auf Wagner lasten …
… R. ist seiner Partitur sehr müde, er hofft den ersten Akt bis Neujahr vollendet zu haben. Zu viel hat er sich aufgetürmt. Haus, Theater, Partitur usw….
und so ist es am 25. Dezember 1873 – Cosimas Geburtstag – soweit:
Richard schenkt mir den ersten Akt der Götterdämmerung, instrumentiert!!!
Am 27. Dezember …
… vormittags spielt er die Szene zwischen Alberich und Hagen und freut sich des Eindruckes, den sie machen würde, wenn Hill und Scaria sie singen würden, „das wird wirken, wie wenn zwei seltsame Tiere miteinander sprechen, man versteht nichts, und alles ist interessant“.
Am 20. Januar 1874 beginnt Richard Wagner den 2. Akt der Götterdämmerung.
Am 8. Mai stellt er rückblickend fest:
Welch merkwürdige Nacht muss das gewesen sein, wo Wotan die Erda bezwang; das ist ganz meine Erfindung – ich weiß nichts von Zeus und Gäa etwa, oder in einem Dichter ist mir nichts aufgefallen, wie zuweilen ein Zug, welcher den meisten entgeht, unsereinem sehr auffällt. Diese Nacht, wo Brünnhilde gezeugt wurde – es ist nur unter dem Begriff des Göttlichen sich vorzustellen; der Reiz, dieses warnende Weib zu bezwingen, um von ihr alles zu erfahren.
Für den 31. Mai hält Cosima fest:
R. arbeitete, sagt mir aber, er gebrauchte völlig ein zweites Orchester, um seine Gedanken ganz wie er es möchte auszudrücken. Er spricht von dem Thema, welches Brünnhildes Seelenstimmung darstellt, während Siegfried im ungestümen Jubel im zweiten Akt davoneilt. „Es ist bei mir nicht die Sucht, Effekte hervorzubringen, sondern immer andere Instrumente hinzutreten zu lassen, um mit den anderen abzuwechseln; keine Virtuosenspiele treiben. Dazu kommt, dass ich Pedant eine gute Partitur für den Druck machen will, führe ich fort, wie ich die Nibelungen begonnen hatte, alle Instrumente durcheinander, es ging besser, ich müsste aber einen ungeheuer gescheiten Kerl dabei haben zum Kopieren.“
Als am 5. Juli 1874 abends der erste Akt der Götterdämmerung vorgenommen wird, hält Cosima dazu fest:
Wie Brünnhildens Versunkensein in den Ring kommt, sagt mir R.: „So muss es wohl den Frauen sein, wenn sie einsam sind.“
Einen Einblick in Wagners Arbeitsweise hält Cosima am 24. Juli 1874 fest:
… so erzählt er, dass, wie er einmal eine Partie nach [ ](Leerstelle) mit Dr. Wille und Herwegh machte, er so müde geworden sei, dass er die Männer bat, ihn an einem gewissen Punkt zu lassen und ohne ihn weiter zu gehen; da habe Dr. Wille, in seiner Rohheit vermeinend, es sei dies Trägheit, R. in den Rücken gestoßen und nur vorwärts geheißen, ein derbes Schimpfwort entlud R.s Wut, und bei dieser Szene ist ihm die ganze Apostrophe von Loge an die Rheintöchter (Worte und Musik), ursprünglich nicht mit konzipiert, eingefallen! „Ja wie einen das anfliegt! Das kann man nicht sagen! Wie der Zusammenhang da steht. Wenn ich am Klavier sitze, so ist es nur, um mich zu erinnern, da fällt mir nichts Neues ein, ich suche das zu finden, was mir zuweilen in den ärgerlichsten Momenten beikam! Das empörte Minna, meine erste Frau, dass während der fürchterlichsten Szenen, die sie mir machte, ich ruhig blieb, weil mir für Tristan oder Walküre etwas einfiel“. Er meint, dass, weil im Ärger doch die Kräfte des Menschen angespannt sind, sein eigentliches Wesen sich da auch durch die größten Inkongruenzen durch regt; nur zur Ausführung bedarf es der Ruhe und eines gewissen Behagens, die künstlerische Arbeit erfordert diese, die Inspiration lacht aller Nöte wie alles Wohlseins. Er erinnert mich daran, dass er mit dem Quintett der Meistersinger nicht zufrieden gewesen sei und ich ihn, bei der Komposition eintretend, gebeten es beizubehalten, weil es ihm war, als ob der eigentliche Einfall anders gewesen, bis er es auch fand, dass es der war; das Komponieren ist ein Suchen nach dem, was einem Gott weiß wie, wo und wann einfällt.
Am 22. September 1874 …
… erzählt mir R., bei der Erzählung von Siegfried im Walde würde im Orchester das Waldweben aus Siegfried bloß angedeutet werden, denn hier müsse das Schicksal Siegfrieds wirken und nicht zerstreut durch ein Naturereignis werden, ein anderes sei es gewesen, wo er hätte das Waldweben wirken lassen wollen, und jetzt; er könne überhaupt nie wiederholen, da fände er selbst den Ton zum Transkribieren nicht.
… und am 9. Oktober:
… vorgestern ließ er die Raben kreischen, und gestern sagte er: „Nun, man kann nicht sagen, dass Hagen Siegfried rücksichtslos erschlägt, da er ihn im Rücken trifft!“
Am 11. Oktober:
R. arbeitet jetzt an der „Leichenmusik“, wie er es nennt.
Am 15. Oktober hält Cosima fest:
R. klagt mir, dass er noch 50 Seiten Partitur zu schreiben hat!
Am 26. Oktober …
… am Abend arbeitet R. an seiner Partitur und schlägt Gunther tot, wie er sagt.
Am 29. Oktober notiert Cosima:
Noch einen Monat, wenn die Götter ihm Ruhe gönnen, wird er brauchen, um fertig zu werden. Vollendet das hehre Werk. – Tränen erfüllen meine Augen, wenn ich das bedenke.
Am nächsten Tag …
… singt R. aus dem Schluss der Götterdämmerung und sagt, er habe gestern gemerkt aus der Kombination dieses Schlusses, dass er alles könne, wenn er wolle; wie ich ihm lachend antworte, dass ich dies wohl glaube, erwidert er, „nein, für gewöhnlich fehlt die Routine mir sehr, ich muss wollen“.
Der 16. November enthält folgendes:
Wie ich um die elfte Stunde zu ihm hinunterkomme, sagt er: „Gerade schreibe ich: Hagen gewahrt mit höchstem Schrecken die Rheintöchter.“
Und schließlich der 21. November 1874:
Dreifach heiliger, denkwürdiger Tag! Gegen die Mittagsstunde ruft mir R. hinauf, ich möchte ihm die Zeitungen hinabreichen; da er mir gestern geklagt, wie angestrengt er sei, und noch versichert, er würde erst Sonntag fertig, vermeinte ich, er könne vor Müdigkeit nicht mehr arbeiten, scheu wich ich der Frage aus; um ihn zu zerstreuen, warf ich ihm den eben erhaltenen Brief des Vaters hin, vermeinend – da er freundlich in Bezug auf unsere Reise nach Pest war – ihn zu zerstreuen. Es läutet zu Mittag, ich treffe ihn, den Brief lesend, er verlangt Erklärungen von mir, ich sage ihm, was ich hierüber zu antworten gedenke, vermeide mit Absicht, auf das Partiturblatt zu blicken, um ihn nicht zu kränken. Gekränkt zeigt er mir, es sei vollendet, und sagt bitter zu mir: Wenn ein Brief des Vaters käme, sei alle Teilnahme für ihn, alles weggewischt – ich unterdrücke den Schmerz des Mittags, doch wie R. nachher die bittre Klage wiederholt, so muss ich in Tränen ausbrechen und weine noch jetzt, indem ich dies schreibe. So ist mir denn diese höchste Freude geraubt worden, und gewiss nicht durch die schlimmsten Regungen in mir! „Dass wissend würde ein Weib.“ Dass ich unter Schmerzen mein Leben diesem Werke geweiht habe, erwarb mir nicht das Recht, seine Vollendung in Freude zu feiern. So feierte ich sie im Schmerze, segne das hehre, wundervolle Werk mit meinen Tränen und danke es dem argen Gott, welcher mir auferlegte, diese Vollendung zuerst durch meinen Schmerz zu sühnen. Wem ihn sagen, wem ihn klagen diesen Schmerz, gegen R. kann ich nur schweigen, diesen Blättern vertraue ich es an, meinem Siegfried, sie mögen ihn lehren: keinen Groll, keinen Hass, grenzenloses Mitleid mit dem armseligsten Geschöpf, dem Menschen. Und so freue ich mich meines Schmerzes und falte dankbar die Hände. – Was mir ihn verhängte, war nichts Übles, ihn von ganzer Seele hinzunehmen ohne Groll gegen das Los, ohne Vorwurf gegen irgendeinen, bleibt meine Stütze. – Mögen andere Schmerzen durch diesen einen, so unaussprechlichen gesühnt sein. Die Kinder sehen mich weinen, weinen mit, sind bald getröstet. R. geht zur Ruhe mit einem letzten bittren Wort, ich suche nach Tristanischen Klängen auf dem Klavier; jedes Thema ist aber zu herb für meine Stimmung, ich kann nur in mich versinken, beten, anbeten! Wie könnte ich weihevoller diesen Tag begehen! Wie könnte ich anders danken als durch Vernichtung einer jeden Regung zum persönlichen Sein: Sei mir gegrüßt, Tag des Ereignisses, sei mir gegrüßt, Tag der Erfüllung, sollte der Genius so hoch seinen Flug vollenden, was durfte das arme Weib? In Liebe und Begeisterung leiden.
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