Die Walküre
Entstehung
Die Geschichte der „Walküre“ beginnt mit dem Großen Prosaentwurf, den Richard Wagner in der Zeit vom 17. – 26. Mai 1852 anfertigte. Und nur einige Wochen später ist das Ganze in Verse gesetzt, am 1. Juli 1852 ist die Dichtung „Die Walküre“ vollendet.
Mit der Komposition beginnt er am 28. Juni 1854. Schon im Juni 1852 schrieb er bezüglich der Komposition der Walküre an Liszt:
Die Musik wird mir sehr leicht und schnell von statten gehen: denn sie ist nur Ausführung des bereits Fertigen.
Am 6. Juli 1854 musste er aber die Arbeit aber schon wieder unterbrechen, bis dahin war er an den Beginn der II. Szene gelangt. Er hatte sich entschlossen – gegen seine innere Stimme –, an einem Musikfest in Sitten teilzunehmen und wollte dort die 7. Symphonie von Beethoven dirigieren. Er brauchte in seiner Lage dringend das Antrittsgeld. Dort angekommen, stellte sich jedoch heraus, dass die ganze Aufmachung und Ausstattung eher einer Dorfkirmes ähnelte. Kurzerhand reiste er noch vor Beginn am 10. Juli abends wieder ab, machte noch Station bei Karl Ritter und holte dann Minna von der Kur am Vierwaldstädter See ab. Von dort schreibt er am 22. Juli 1854 an Liszt:
Geht alles gut, so fahre ich vom 1. August ab wieder in der Komposition der Walküre fort; – die Arbeit – diese Arbeit – ist das Einzige was mich das Leben ertragen lässt. Mit der Reinschrift des Rheingoldes fahre ich nebenbei fort; zum Spätherbst sollst Du – denke ich – die Partitur in Händen haben.
An Bülow schreibt er am 13. September 1854:
Mit dem ersten Akt der Walküre bin ich fertig: wenn ich an den zweiten kommen werde, weiß Gott. – ich hab‘ jetzt sehr böse Laune!
Seine katastrophale finanzielle Situation, u. a. hervorgerufen durch die sehr kostspielige Einrichtung seiner neuen Wohnung im 2. OG, Zeltweg 13, begann sich jetzt auf seinen Schaffensdrang auszuwirken. Am 16. September muss er Franz Liszt mitteilen, dass jegliche musikalische Arbeit vorerst beiseite gelegt ist. Er bestimmte seinen Freund Jakob Sulzer zu seinem Vormund und legte ihm seine Situation ausführlich offen.
Seine Frau Minna – sie lebt in Dresden getrennt von Wagner – weiß von alledem nichts. Wagner fürchtet um ihre Gesundheit, wenn er sie einweihen würde. Über seine Arbeit schreibt er ihr selten, da sie wenig Verständnis dafür aufbringen kann. Am 23. September 1854 erfährt sie lediglich:
Ich übernehme mich leider zu sehr mit dem Arbeiten, da ich die Reinschrift von der Partitur nun doch einmal fertig haben will, um das Eine ganz los zu sein. So schreibe ich auch stets nach Tische ein paar Stunden, und Abends, wenn ich nach Hause komme, wieder.
Am 26. September 1854 wurde die „Rheingold“-Partitur als „vollendetstes Meisterstück in Schönschreiberei“ schließlich abgeschlossen.
Anschließend nahm er die Arbeit am 2. Akt der Walküre wieder auf. Minna teilt er am 30. September mit:
… als ich gestern Deinen etwas misstrauischen Brief bekam, hatte ich gerade das Auftreten der Fricka zu komponieren, das stimmte gar nicht übel zusammen. –
Die weitere Arbeit gestaltete sich sehr zäh. Der Herbst 1854 war gekennzeichnet von Einsamkeit. Die klare Sicht auf den Unverstand der Welt für sein innerstes Streben ließen Wagner immer deprimierter werden.
In diesem Zustand brachte ihm sein Freund Herwegh ein Buch von Arthur Schopenhauer: „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Seit 40 Jahren war dieser Schriftsteller und Philosoph in der Versenkung verschwunden und ein Engländer hob ihn wieder ans Licht. In den dargelegten Gedanken Schopenhauers erkannte sich Wagner vollumfänglich wieder und brachte das in der Person des Wotan auch zum Ausdruck.
Im November 1854 schreibt er an die Freundin von Liszt, Carolyne von Sayn-Wittgenstein:
An der „Walküre“ habe ich zwar immer etwas gearbeitet: doch geht es viel langsamer, als ich anfangs dachte. … Jetzt bin ich im zweiten Akte bei der Szene, wo Brünnhilde zu Siegmund tritt, um ihm den Tod zu verkündigen; so etwas kann man doch kaum mehr komponieren nennen! – Wenn ich nur erst bis zum „jungen Siegfried“ bin; der wird dann wohl schon schneller gehen. –
Liszt teilt er am 16.(?) Dezember mit:
Dem schönsten meiner Lebensträume, dem jungen Siegfried, zu lieb, muss ich wohl schon noch die Nibelungenstücke fertig machen: die Walküre hat mich zu sehr angegriffen, als dass ich mir diese Erheiterung nicht noch gönnen soll; ich bin damit in der zweiten Hälfte des letzten Aktes. Mit dem Ganzen werde ich doch erst 1856 fertig – 1858, im zehnten Jahr meiner Hegira kann ich’s dann aufführen – wenn’s sein soll.
Den ersten Hinweis auf die Fertigstellung der Kompositionsskizze erhält am 28. Dezember ebenfalls Liszt:
Brünnhilde schläft! – Ich – wache leider noch! –
Wagner verweist damit auf die Schlusstakte der „Walküre“.
Zum Ende des Jahres 1854 erhält Wagner eine Anfrage der Philharmonischen Gesellschaft in London, ob er bereit wäre, die diesjährigen Konzerte zu leiten. Sein finanzielles Desaster und die Möglichkeit, sich endlich seinen „Lohengrin“ aufführen zu können, lassen ihn zusagen. In der Zeit vom 12. März bis zum 25. Juni 1855 sind acht Konzerte zu dirigieren.
Eine schöne Wohnung ist schnell gefunden, 2 Pfund die Woche, doch … :
Noch hatte er sich in seiner Wohnung nicht so weit heimisch gemacht, dass er an eine Wiederaufnahme seiner großen Arbeit denken konnte. Durch Liszt’s, schon von Zürich aus zu diesem Zwecke angerufene Vermittlung erhielt er zwar von der Londoner Vertretung der berühmten Pariser Firma Erard einen schönen Flügel ins Haus geliefert; aber erst vierzehn Tage nach seiner Ankunft, auf welche Verspätung sich sein inzwischen noch von London aus wiederholter Notschrei bezieht. „Ein Stehpult zum Schreiben musste ich mir von einem Zimmermann besonders anfertigen lassen: nirgend war ein solches sonst zu bekommen“. So war er, 2-3 Wochen nach seiner Ankunft, endlich zum Arbeiten eingerichtet, konnte aber auch dann nur erst noch spärlich beginnen. „Die Unterbrechung war zu groß und heftig, im Anfang war mir meine Komposition wildfremd geworden“.
… ist bei Glasenapp zu lesen.
In einem Brief an H. v. Bülow vom 3. März 1855 findet er ungeschminkte Worte zu den Erwartungen bei seinem Londoner Gastspiel:
Die Londoner Journale fallen wie tolle Hunde auf die Direktoren los, dass sie mich wählen konnten: Alles ist in Wut, so dass ich nun völlig eine Freude darüber empfinde, diese Konzerte recht tüchtig herzurichten, und den Leuten ihren Haydn, Mozart und Beethoven einmal ordentlich zu zeigen. … ich habe mir ¾ Walküre zum instrumentieren mitgenommen und hoffe von der Londoner Langeweile die nötige Muße zur Beendigung dieser Arbeit. Allem Musikgesindel bleibt meine Türe geschlossen und ich beschränke mich strikt auf die Direktion meiner acht Konzerte.
Jedoch lediglich in den Osterferien, zwischen dem 2. und 3. Konzert, konnte er aufgrund der längeren Pause etwas anhaltender arbeiten. So wird am 3. April 1855 wenigstens die Instrumentation des ersten Aufzuges beendet.
Glasenapp schreibt dazu:
„Lasst mich meine Nibelungen vollenden!“ ruft er tags darauf in einem Briefe an Liszt, „das ist alles, was ich verlange. Vermag das meine edle Zeitgenossenschaft nicht, so hole sie mit all‘ ihren Ruhm und Ehren der Teufel!“ Alles hing ihm wie Blei am Geiste und Leibe; seinem Hauptwunsch für dieses Jahr, in London die Partitur der „Walküre“ zu beenden und gleich nach seiner Rückkehr auf dem Seelisberg den „Siegfried“ beginnen zu können, musste er nun schon entsagen.
Das schlechte Klima in London und auch der „seelenlose Schlag von Menschen“ dort lässt seinen inneren Schaffensquell fast vollständig versiegen. Die Folgen hiervon schildert er in einem Brief vom 5. April 1855 an Otto Wesendonck:
Ich habe meine Komposition fast ganz vergessen und musste mich oft lange besinnen, wie ich dies und jenes darin gemeint hätte: – ich habe hier vollkommen das innere Gedächtnis dafür verloren. Sehr mühsam bin ich vorgestern mit dem ersten Akt fertig geworden und bereits begnüge ich mich mit der Hoffnung, wenigstens noch den zweiten Akt hier zu vollenden; den dritten muss ich mir aber auf den Seelisberg versparen, wo ich leider den „jungen Siegfried“ nicht werde beginnen können; glücklich will ich sein, wenn ich dort mein Werk überhaupt wiederfinde und den Mut zum „jungen Siegfried“ wiedergewinne. Glaubt mir, ich hätte nicht nach London gehen sollen!
Nach einem insgesamt überwältigenden Erfolg beim Londoner Publikum und bei seinem Orchester langte er am 30. Juni wieder in Zürich an. Die Abfahrt zum Vierwaldstättersee See verzögerte sich noch durch den Tod seines kleinen treuen Hundes Peps, sodass er mit seiner Frau erst am 12. Juli 1855 abreisen konnte.
Sogleich am 14. Juli beginnt er mit der Partitur-Reinschrift der „Walküre“. Doch wie schon in der Londoner Zeit ist hier, bei Minnas Molkenkur, vorwiegend schlechtes Wetter. Sein Gesundheitszustand ist ebenfalls seit Beginn der Konzertreise angeschlagen.
Da er nun insgesamt nicht recht vorwärts kommt, wird ihm allmählich klar, dass seine Planung zur Fertigstellung der „Walküre“ nicht zu halten ist. An Chordirektor Wilhelm Fischer in Dresden schreibt er am 17. August 1855:
Nun will ich wieder tüchtig arbeiten: doch mich nicht übernehmen: für dieses Jahr begnüge ich mich damit, die „Walküre“ vollends ganz fertig zu machen. Erst im Frühjahr gehe ich an den jungen Siegfried. –
Und rückblickend schreibt er am 31. August 1855 seinem jungen Freund Klindworth diesbezüglich:
Sie glauben nicht, welche Strafe es mir war, diese alberne Einladung angenommen zu haben. Es ist mir damit ein ganzes halbes Jahr aus meinem Leben gestohlen worden, und noch jetzt finde ich mich kaum nach der bösen Störung meines Gleichgewichtes zu recht. Meine Arbeiten haben am meisten darunter gelitten: noch heute habe ich es zu nicht viel mehr als der Reinschrift der schon in London fertigen von der „Walküre“ gebracht.
Um dem Übel von Außen zu begegnen, verlangt Wagner endlich nach einem Wiedersehen mit seinem Freund und Künstlerkollegen Franz Liszt. Alle inneren Quellen öffneten sich, wenn die Beiden sich trafen. Und so schreibt Wagner ihm am 5.(?) September 1855:
Meine innerliche Verstimmung ist unbeschreiblich; oft starre ich tagelang auf das Notenpapier hin, und finde keine Erinnerung, kein Gedächtnis, keinen Sinn für meine Arbeit mehr. Wo soll mir die Lust herquellen? Alle Motive dazu, die ich aus meiner qualvollen Einsamkeit eine Zeitlang schöpfen konnte, müssen doch endlich an Kraft verlieren.
Als ich das Rheingold begann und schnell beendigte, war ich eben noch voll von dem Zusammensein mit Dir und den Deinigen. Jetzt ist nun seit fast zwei Jahren Alles um mich verstummt, und alle meine Berührungen mit der Außenwelt sind nur verstimmend und beängstigend. – Glaub‘ mir, das geht nun nicht mehr lange: wenn mein äußeres Geschick nicht bald eine andere Wendung bekommt, wenn ich nicht bald die Möglichkeit gewinne, Dich öfter zu sehen, und eines meiner Werke hie und da zu hören oder aufzuführen – dann muss der Quell in mir vertrocknen, und es hat ein Ende. So geht das unmöglich mehr! –
Die Zeit bis zum Jahresende – und sogar bis ins Frühjahr 1856 hinein – ist dann geprägt von vielerlei gesundheitlichen Beeinträchtigungen, sodass die Arbeit am dritten Aufzug nur langsam vorankommt. Er sagt dazu:
Da ich nun nichts niederschreibe, als was mir endlich bei entsprechender Stimmung genügt, so ist leicht zu denken, wie viel Zeit ich gebraucht, um die seltenen Stunden ihn abzugewinnen.
Am 20. März 1856 hat Richard Wagner die Erstschrift der Partitur der „Walküre“ vollendet und die parallel dazu geführte Reinschrift ist schließlich 3 Tage später, am 23. März 1856, beendigt.